Work Text:
Spektrum
„Stört es dich eigentlich?“
„Stört mich was?“
„Dass ich nicht so bin wie andere…“
„Ich nehme an, dass es die Tatsache, dass es mich nicht stört, dass ich mit dem größten Serienkiller der Geschichte zusammen bin, mehr über mich als über dich aussagt. Aber nein, es stört mich nicht, dass du bist wer du bist. Ich liebe dich doch gerade weil du bist wer du bist. Ich nehme an die Dinge würden anders liegen, wenn du keine Reue zeigen würdest, aber so..“
„Davon rede ich nicht. Ich meine, ob es dich nicht stört, dass ich…“ Light unterbrach sich, weil er selbst keine Worte für das fand, was er eigentlich ausdrücken wollte. „Dass ich so unbedarft in all dem bin…“ Er fürchtete, dass er errötete, als er das sagte und man ihm ansehen konnte wie peinlich ihm das ganze Thema war.
L warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. „Hältst du mich für so oberflächlich?“, wunderte er sich, „Oder denkst du, dass ich in meinen früheren Leben so viel Erfahrung gesammelt habe, dass ich dir so viel voraus bin? Soweit ich mich erinnern kann, warst du der Frauenheld von uns beiden.“
„Das ist so nicht ganz richtig. Mädchen mochten mich, aber wir haben so gut wie nie…“ Light unterbrach sich wieder. „All die Jahre mit Misa haben mich schnell lernen lassen, dass Frauen mitunter viel einfach zufrieden stellen zu sind als man meinen würde. Ein bisschen Handarbeit und man erspart sich alles andere… Misa hatte ja selbst kaum Erfahrung. Und Takada … fand es charmant, dass da einmal ein Mann ist, der nicht nur auf das Eine aus ist und ihre Bedürfnisse vor seine stellt.“
L blickte ihn wieder mit einem undurchschaubaren Blick an. „Das sind mehr Detail, als ich jemals wissen wollte, Light-kun“, meinte er dann.
„Mit allen anderen ist es nie so weit gekommen. Und das war auch gut so, denn … ich bin da eben nicht wie andere. Als wir zum ersten Mal zusammen waren, und ich … nun als das zu früh passiert ist … da fandest du das vielleicht noch charmant, aber keiner findet so etwas immer ansprechend. Und was wenn es wieder so wird wie früher, und ich irgendwann nicht mehr … wenn ich dir nicht mehr geben kann was du willst?“, fuhr Light unbeeindruckt fort.
L musterte ihn inzwischen als wäre er ein Puzzle, das er lösen musste. Dann seufzte er, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, und schaltete seinen Computer aus.
Sie waren damit beschäftigt gewesen Meta-Daten über eine Mordserie in Los Angeles auszuwerten, und Light hatte immer das Gefühl gehabt, dass L sich für das Ganze nicht sonderlich interessierte, vielleicht weil er schon längst wusste wer der Täter war, aber er hatte trotzdem sein Bestes getan um zu helfen, denn immerhin wollte er den Eindruck erwecken nützlich zu sein und L nicht von seinen Pflichten ablenken um so zu verhindern, dass Watari und Roger ihn einfach vor die Türe setzen. Immerhin wollte er in Wammy Haus bleiben dürfen, zumindest noch ein wenig länger. Es war schwierig genug gewesen überhaupt hineingelassen zu werden - er wusste, dass er wenn er einmal weg wäre nie wieder zurückkommen dürfte, egal was L dazu sagen würde. Und er war noch nicht bereit für eine Rückkehr in die wirkliche Welt oder gar nach Japan.
Doch nun hatte er L erst recht abgelenkt wie es schien. „Light-kun … Ich habe alles, was wir jemals zusammen getan haben, sehr genossen. Aber ich bin niemand, der jemals etwas von dir fordern würde, das du nicht bereit bist zu geben. Und ich könnte sehr gut ohne körperliche Intimität dieser Art leben, wenn du beschließen solltest, dass du sie mir nicht mehr geben kannst“, erklärte L ernst, „Es ist mir nicht wichtig. Oder besser gesagt es ist mir wichtig, weil du es bist. Und abgesehen davon … Ich will Light-kuns Stolz nicht beleidigen, doch dessen Umgang mit Pornographie war noch nie besonders glaubwürdig.“
Das war das erste Mal, dass Light das von jemandem gesagt bekam. „Wie bitte?“
„Wenn man Teenager-Jungen in ihren Zimmern überwacht, dann hat man gewisse Erwartungen was passieren wird, und wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, dann zieht man seine Schlüsse“, fuhr L fort.
„Wie bitte?!“
„Ich kenne Light-kun aus sehr vielen Leben sehr genau, und ich wusste worauf ich mich einlasse. Natürlich dachte ich ursprünglich zuerst, dass das aktive Desinteresse an weiblichen Vorzügen kombiniert mit dem überaktiven Dating-Verhalten von Light-kun die naheliegende andere sexuelle Orientierung verschleiern soll, aber nachdem Light-kun auch offenes Desinteresse an diversen männlichen Bewerbern gezeigt hat…“
„Was? Von wem sprichst du?“
„… habe ich den einzigen logischen Schluss gezogen. Doch da Asexualität ein Spektrum ist, war ich nicht bereit darüber zu spekulieren wie weit Light-kun in einer hypothetischen intimen Situation zu gehen bereit wäre…“
„Wann hast du darüber warum spekuliert?“
„… und als Light-kun die Initiative ergriffen hat und Interesse an aktiverer körperlicher Intimität gezeigt hat, war das durchaus ein Grund zur Freude für mich. Aber ich war vorsichtig in meinen Erwartungen und bereit mich anzupassen, und das bin ich immer noch.“
„Aber damals hattest du doch gar keine Erinnerungen an die vorherigen Leben, also konntest du nicht … Hast du mich etwa auch in diesem Leben damals überwachen lassen?!“
L wirkte ein wenig schuldbewusst, als er einräumte: „Sayu-nee-san und Light-kun galten als potentielle Verdächtige mit Verbindungen zu dem Serienkiller, den wir gesucht haben. Also war eine breitere Überwachung notwendig, für die ich mich freiwillig gemeldet hatte.“
Light starrte L ungläubig an. „Du hast … davon habe ich nichts mitbekommen“, gab er dann zu.
„Der Nachteil, wenn man keinen Shinigami zur Hand hat, der einem sagt wo sich die Kameras befinden“, meinte L dazu nur. Dann fügte er hinzu: „Bist du jetzt wütend?“
„Mit welcher Begründung? Ich habe eine Videobotschaft an einen Serienkiller viral gehen lassen, und Sayu war in den Fall verwickelt, wie sich herausgestellt hat“, murmelte Light, „Wir haben einander schlimmere Dinge angetan als das.“ Er seufzte und betrachte L einen Moment lang. „Asexualität ist ein Spektrum?“, erkundigte er sich dann ein wenig kleinlaut.
L nickte. „Hat sich Light-kun in all seinen Leben jemals mit dem Thema Sexualität beschäftigt?“, wollte er dann sehr sanft wissen.
„Nein. Ich dachte immer, dass ich einfach … irgendwie falsch bin“, gab Light unumwunden zu, „Hab nie groß darüber nachgedacht, dass das etwas anderes bedeuten könnte.“
„Mhm. … Nein, nichts daran ist falsch“, erwiderte L ruhig.
„Ja?“
„Ja. Ich für meinen Teil hatte nie Interesse daran andere romantisch auszuführen nur um romantisch zu jemanden zu sein“, meinte L.
Light kniff die Augen zusammen. „Und wie würdest du das nennen, was du mit mir getan hast? Als du Zeit mit mir verbracht hast - während meiner Depression, meine ich?“, wollte er dann wissen.
„Zeit mit dir verbringen, würde ich es nennen. Mit einem an Depressionen leidenden Verdächtigen auszugehen wäre unmoralisch, Light-kun“, gab L zurück.
„Und was ist mit all den Malen, die du mich auf einen Kaffee eingeladen hast? In mehr als nur einem unserer Leben…“, hakte Light nach.
„Das war eine notwendige Interaktion mit einem Verdächtigen, um sein Verhalten besser einschätzen zu können“, behauptete L.
Light glaubte ihm das keine Sekunde lang. „Das ist Bullshit“, stellte er dann fest.
„Nun vielleicht hatte ich Interesse daran Light-kun im Speziellen auszuführen um ihm gegenüber romantisch zu sein“, räumte L dann ein.
„Aha. Ich bin also besonders“, stellte Light fest.
„Natürlich“, erwiderte L ohne jede Ironie, „Du bist Light-kun.“
Light fand angesichts der ehrlichen Kraft dieser Aussage keine Antwort darauf.
„Für manche“, fuhr L fort, „ist die Reihenfolge gewisser Dinge anders als für die meisten anderen. Manche entwickeln Verlangen erst nachdem sie bereits Gefühle entwickelt haben. Verlangen sexueller oder andere Natur.“
„Weil es ein Spektrum ist“, vermutete Light.
„Weil es ein Spektrum ist“, stimmte ihm L zu, „Also nein, es stört mich nicht. Ich fühle mich geschmeichelt.“
Light hob die Augenbrauen. „Oh. Okay“, murmelte er, „ich –ehm – ich auch.“
L blickte ihn noch einen Moment an und ruinierte den Moment dann als er daraufhin nur meinte: „Gut.“
Gut?! Also besonders bescheiden ist der gute L ja nicht gerade, was? Light schüttelte nur seinen Kopf, lächelte aber trotzdem. Das war nun mal L – sie würden nicht so gut zusammenpassen, wenn sie in Wahrheit nicht beide riesige Egos hätten.
L hatte sich wieder seinem Computer zugewandt und seine Arbeit neu aufgenommen. Light beobachtete ihn einige Momente lang. Zusammen zu arbeiten, nebeneinander zu sitzen und Daten zu sichten, das waren immer die Momente, die sich am richtigsten anfühlten. Er mochte an allem anderen zweifeln, aber niemals daran, dass sie zusammen am besten funktionierten, weil sie in Wahrheit zusammen gehörten.
Ein Spektrum, ja? Von mir aus. Damit kann ich leben. Er ertappte sich dabei, dass er schon wieder lächelte.
„Alles in Ordnung, Light-kun?“, wunderte sich L ohne ihn anzusehen.
„Oh ja, alles ist in Ordnung“, versicherte ihm Light, „Alles ist in bester Ordnung.“
Und zur Abwechslung war es das tatsächlich einmal wirklich.
Fin.
