Chapter Text
Playing his Game
oder
Permutationen II. Eine Death Note Fic
Prolog
„Nein, Misa, nicht! Tu es nicht!“ Light sah Misa in den Tod stürzen und konnte nur hilflos dabei zusehen. „Du hast ihr das angetan! Du hast ihr ihre Identität genommen! Kein Wunder, dass sie verwirrt und ziellos war und sich das Leben nehmen wollte! Du hast Misa umgebracht und Ukita und deinen Vater!“, schleuderte ihm Matsuda entgegen und schoss auf ihn.
Light schreckte mit einem Schrei hoch. Und fand sich in seinem Bett wieder.
„Alles in Ordnung?“
„Alptraum“, erwiderte Light knapp.
Es war nichts Neues, dass ihn seine früheren Leben im Traum heimsuchten, und es war nur verständlich, dass die neueren diejenigen wären, die ihm am stärksten beschäftigten. Aber das machte alles nicht leichter. Er hatte all seine Erinnerungen an seine früheren Leben mit der Death Note quer durch das Multiversum hinweg zurückbekommen, als er die Death Note vom Boden aufgehoben hatte, doch nur weil das zum zweiten Mal passiert war, bedeutete das nicht, dass es leichter zu verkraften war. Im Gegenteil. Er musste sich nicht nur mit den Erinnerungen an sein altes Leben herumschlagen, sondern auch noch mit denen an seine zwei neuen Leben und an das Leben, in dem er sich an alles erinnert hatte und am Ende seinen eigenen Namen in das Death Note geschrieben hatte, weil er nicht weiter machen hatte wollen. Man würde meinen, dass ihn dieses Leben am meisten verfolgte, doch es wechselte sich brav mit allen anderen Leben ab. Momentan war es das erste Leben nach seinem Selbstmord, das ihn am meisten verfolgte.
„Was war es?“
„Misa“, erwiderte Light schnell, „Als sie … als sich in den Tod gestürzt hat.“ Nicht aus freien Stücken heraus, rief er sich in Erinnerung, Sondern weil Takada ihren Namen in die Death Note geschrieben hatte und ihren Selbstmord inszeniert hatte. Es war nicht meine Schuld. Wenn man davon absieht, dass es das schon war, weil ich Takada die Death Note-Seiten gegeben habe...
„Ja, das. Das war … hart. Für dich ein ganzes Stück härter als für alle anderen, nehme ich an. Immerhin warst du mit ihr am Dach. Hast ihr einen Heiratsantrag gemacht. Und sie ist trotzdem gesprungen.“
„Ich denke immer, dass sie vielleicht gespürt hat, dass es eine Lüge war. Dass es nicht der Ring meiner Großmutter war und ich nicht vorhatte sie zu heiraten, sondern sie einfach nur vom Dach runterbringe wollte… Und dann erinnere ich mich wieder, dass sie fremdkontrolliert wurde und das alles so oder so passiert wäre, aber … vielleicht war sie in ihren letzten Momenten trotzdem enttäuscht von mir. Davon, dass ich sie schon wieder belogen habe“, erklärte Light.
„Schon möglich. Misa ist nicht so einfach gestrickt wie alle immer denken.“
Das war keine hilfreiche Antwort. Light warf dem anderen einen wütenden Blick zu. „Fertig machen kann ich mich auch selber, dafür brauche ich dich nicht“, meinte er bissig.
„Ich sage nur die Wahrheit. Ich dachte das gefällt dir an mir.“
„Es ist als ob ich mit Ryuk sprechen würde“, murmelte Light wütend und drehte seinem Partner den Rücken zu, „Und das gefällt mir nicht.“
Starke Arme umschlangen ihn und jemand drückte ihm einen Kuss auf den Hals. „Es tut mir leid, Light-kun, Ich habe keine Übung darin andere emotional zu unterstützen. Meine Stärke ist die Logik, nicht die Empathie.“ L liebkoste seinen Hals. „Aber ich versuche es.“
In dem Leben, in dem sich Light an alles hatte erinnern können, war L ihm sehr wohl eine emotionale Stütze gewesen, er hatte sich erhofft, dass es dieses Mal ähnlich werde würde, nur besser, weil L alle seine Erinnerungen von Anfang an zurück hätte. Doch L war … irgendwie anders als er erwartet hatte, seit er seine Erinnerungen zurück hatte. Distanzierter auf gewisse Weise, so als würde er versuchen etwas vor Light zu verbergen. Was keinen Sinn ergab, weil L Light verziehen hatte, dass er Kira war und ihn wer-hatte-schon-mitgezählt-wie-oft indirekt oder direkt umgebracht hatte, und es folgerichtig nichts gab, dass Light ihm im Gegenzug nicht verzeihen würde, es also keinen Grund für Geheimnisse gab. Doch trotzdem schien irgendetwas zwischen ihnen zu stehen.
Light drehte sich zu seinem Liebhaber um. „L …“ Er versank wie so oft beinahe unbewusst in den Anblick des sexy selbstbewussten „Dein Freund Ryuga“-L, bevor er sich wieder fing und vorsichtig fragte: „Ist in den letzten paar Schleifen … irgendetwas passiert, von dem ich nichts weiß?“
L sah ihn mit maskenartigem Gesicht an. „Warum fragst du?“, wollte er dann wissen.
„Ich weiß auch nicht, du bist nur irgendwie …“ Light suchte nach den richtigen Worten. „…anders.“
„Vielleicht sind die Würfel dieses Mal einfach wieder an eine andere Stelle des Spektrums gefallen. Du weißt, dass ich Gefühle mitunter nicht so ausdrücken kann wie andere Menschen“, erwiderte L.
„Nein, das ist es nicht“, behauptete Light, „Deine Gefühle nehme ich ganz deutlich wahr. Das war schon immer so, das weißt du. Vor mir kannst du sie nicht verstecken. Genau das ist ja das Problem. Bist du wütend, weil ich Near vor zwei Schleifen getötet habe?“
„Nein. Was du tust, wenn du die Death Note benutzt, ist nicht deine Schuld. Nicht zur Gänze zumindest. Daran kann ich dir nicht die Schuld geben. Klar macht es mich nicht glücklich, aber es wäre heuchlerisch, wenn ich dir deswegen böse wäre“, erwiderte L sofort.
„Wieso heuchlerisch? Du hast die Death Note nie benutzt um einen anderen als deinen eigenen Namen hineinzuschreiben“, widersprach Light, „Du bist wirklich anders als wir anderen – du bist viel stärker als wir.“
L starrte ihn einen Moment lang nur an. „Vielleicht kennt Light-kun mich nicht so gut wie er denkt“, murmelte er dann.
Aha! Ich wusste es, etwas ist passiert und er verbirgt es! „Ist es das? Du hast die Death Note benutzt? Das stört mich doch nicht! Du weißt was ich alles damit getan habe. Ich habe Takada getötet indem ich ihr angeschafft habe sich selbst in ihrer Wohnung in Brand zu setzen, verdammt! Warum sollte es mich dann stören, dass du einen Namen hineingeschrieben hast?! Ich bin sicher, dass es niemand besonders Unschuldiger war und diese Person nicht leiden musste“, erwiderte Light.
L seufzte und lehnte sich im Bett zurück. „Light-kun stellt mich ständig auf diesen imaginären Podest“, seufzte er, „Wenn ich von dem stürzen würde … vielleicht würde Light-kun mich dann nicht mehr lieben.“
Light lachte, weil das einfach nur das Lächerlichste war, was er jemals gehört hatte. „Komm schon, L, du weißt, dass du nichts tun könntest, dass mich dazu bringen könnte dich nicht mehr zu lieben. Dann hast du eben was Schreckliches getan. Na und? Jeder macht mal Fehler. Du kannst es mir sagen. Du kannst mir alles sagen.“
L wirkte nicht so als ob er ihm das glauben würde. „Ich erinnere mich an Dinge, die nach meinem Tod passiert sind“, gab er dann zu, „Vor zwei Schleifen. Ich war in Muu.“
„Dort war ich auch mal, glaube ich. Ich kann mich nur dunkel erinnern“, gab Light zu.
„Wer von der Death Note getötet wird, landet dort und wird vor die Wahl gestellt. Eine Death Note zu bekommen und ein Shinigami zu werden. Oder zu schwinden. Unschuldige schwinden vielleicht wirklich. Wir, die wir einmal Namen aufgeschrieben haben, natürlich nicht. Auf uns lauern die Schleifen“, erklärte L, „Das wusste ich damals nicht, ich war fünf Jahre dort und habe gewartet und nachgedacht, und dann wurde ich vorgelassen, vor dem Shinigami-König und wurde vor die Wahl gestellt…“
Light warf L einen ungläubigen Blick zu. „Du hast dich dafür entschieden ein Shinigami zu werden?“ Das kam ihm doch sehr unwahrscheinlich vor. Er selbst, ja vielleicht, sich selbst traute er alles zu, aber doch nicht L!
„Nicht ganz. Ich habe mich für Möglichkeit C entschieden. Siehst du, ich wollte Rache. Aber nicht an dir oder sonst einem Opfer der Death Note, sondern an dem, der wirklich an allem Schuld ist.“ L atmete tief durch. „Ich habe eine weiße Death Note erhalten. Und Augen. Aber es war nicht meine Aufgabe Menschenleben zu nehmen. Ich war beauftragt Shinigamis der Gerichtbarkeit zuzuführen….“
„Du wurdest ein Shinigami für Shinigamis? Ich wusste nicht, dass es so was gibt“, gab Light zu. Andrerseits konnte er sich an nichts, was nach einem seiner Tode passiert war, erinnern. Vielleicht hatte er das einmal gewusst. Vielleicht auch nicht. „Und du…“ Ihm wurde klar was L ihm gerade gesagt hatte.
„Du hast Ryuk aufgeschrieben“, erkannte er, „Ich dachte, ich sehe dich, aber ich sehe dich öfter, wenn ich sterbe. So ist Liebe eben, dachte ich immer, aber du warst wirklich da. Und hast es zu Ende gebracht, nachdem ich tot war. … Wieso nicht davor?“
„Regeln. Es gibt mehr davon als du ahnst“, erklärte L, „Aber ja, ich habe dich sterben lassen. Dich und Misa und Near und Mello und all die anderen.“
„Mhm. Sogar dein Racheengel-Ich hält sich an die Regeln“, stellte Light fest, „Warum überrascht mich das nicht?“ Er horchte in sich hinein und stellte fest, dass sich nichts geändert hatte. Das war nur ein Aspekt mehr von L, den er gerade kennenlernte.
„Bist du nicht böse auf mich?“, wunderte sich L.
„Nein, du Idiot, ich liebe dich. Hast du das noch immer nicht verstanden?“, erwiderte Light nur leichthin, „Wie gesagt, du kannst mir alles sagen. Nichts wird das ändern. Und übrigens ist mir klar warum du mir das wirklich vorenthalten hast. Du kennst Ryuks echten Namen. Das heißt du kannst mir dabei helfen ihn umzubringen.“
L seufzte nur. „Ja, und dann…“, setzte er langsam an, „…ist da das.“
Teil 1: Another Note
Für Ryuk waren die ganzen Wiederholungsschleifen nichts weiter als ein Spiel. Im Gegensatz zu allen anderen konnte er sich daran erinnern was zuvor passiert war und agierte entsprechend. Er wählte Light für die Death Note aus, wieder und wieder. Und tötete ihn, wenn er sich langweilte, wieder und wieder. Deswegen hatte Light beschlossen Ryuk zu bekämpfen und nach Möglichkeit zu vernichten.
Der Shinigami war eben nicht sein Freund, er war sein einzig wahrer Feind, und es galt ihn zu stellen und aufzuhalten, bevor er noch mehr Leben zerstörte. So hatte Light L das alles dargelegt, nachdem er ihm seine Erinnerungen zurückgegeben hatte, doch L war von diesem „Plan“ nicht gerade begeistert gewesen. Und das obwohl das doch genau das gleiche war, was er selbst vor ein paar Leben getan hatte, wie Light jetzt erfuhr!
„Ich verstehe nicht warum du dich so dagegen sträubst Ryuk seiner gerechten Strafe zuzuführen. Du hast es doch schon mal getan! Das hast du mir gerade gestanden!“, argumentiere Light.
L verdrehte nur seine Augen, seufzte, legte dann seinen Kopf schief und blickte Light an. „Wollen wir nicht lieber Sex haben anstatt zu streiten?“, schlug er dann vor.
„Nein!“ Sex mit L war die einzige Art von Sex, die Light auch wirklich genoss, aber nicht genug um sich dadurch von allen anderen ablenken zu lassen. Auf diese Art von Beziehung wollte er sich gar nicht erst einlassen! „Das ist wichtig, L!“, betonte er, „Ryuk ist der Feind. Ich dachte darüber sind wir uns einig!“
„Er ist gefährlich“, erwiderte L streng, „Willst du, dass er dich schon wieder umbringt?!“
„Das bin ich bereit in Kauf zu nehmen“, gab Light zurück, „Du nicht? Um Kira aufzuhalten warst du mehr als einmal bereit zu sterben!“
Sie waren keines dieser harmonischen schwer verliebten Pärchen, von denen es dort draußen so viele zu geben schien - seit ihrer Wiedervereinigung ein paar Leben zuvor stritten sie sich öfter über wirklich wichtige Dinge. Wie zum Beispiel die Death Note.
L hätte sie am liebsten vernichtet, aber Light konnte das nicht zulassen; sie war ihre einzige Verbindung zu Ryuk und der Grund dafür, dass sie ihre Erinnerungen zurückbekommen hatten, er hatte L überredet sie nicht zu verbrennen, indem er versprochen hatte sie niemals zu benutzen, was schwer genug gewesen war glaubhaft rüber zu bringen. Aber jetzt stritten sie sich ausgerechnet über Ryuk?
„Ich denke nicht, dass du Angst vor ihm hast. Oder um mich. Warum bestehst du darauf ihn zu schützen?“, wollte Light wissen.
„Das ist es nicht. … Ich … mochte nur die Person, zu der ich geworden bin, als ich ihn getötet habe nicht sehr“, erklärte L, „Ich will so nicht wieder werden.“
„Also willst du ihn einfach gewinnen lassen?“
„Siehst du deswegen wollte ich die Death Note verbrennen. Was spricht dagegen, dass wir einfach glücklich zusammen sind ohne Shinigamis und tödliche Notizbücher?“, wollte L von ihm wissen.
„Wir können nicht wissen, ob wir ohne unsere Erinnerungen überhaupt zusammen wären“, betonte Light. Sie hatten einander in dem einen Leben, in dem er nicht Kira gewesen war, gefunden, aber im Grunde trotzdem nur wegen der Death Note. L war in diesem Leben nicht L gewesen, sondern nur einer seiner Helfer, aber Light war tief in sich immer noch davon überzeugt, dass es ohne Death Note nichts gab, was sie beide auf Dauer aneinander band. L war zu ehrgeizig für ein normalsterbliches Leben. Und Light war das im Grunde auch. Und er konnte und wollte nicht ohne die Death Note und ohne L leben.
„Light-kun….“ L sah ihn mit diesem mitleidigen Blick an, den Light hasste, bevor er sich regelrecht auf den nichtsahnenden Light warf und ihn in die Matratze drückte. „Ich liebe dich, Light-kun“, versicherte er dem anderen mit einer unfair sexy klingenden Stimme, „Warum will Light-kun mir das nur nie glauben?“ Und dann küsste er Lights Lippen.
„Oh, entschuldigt. Seid ihr mit Erwachsenenkram beschäftigt?“ Near stand in L’s Schlafzimmer und wirkte nicht so würde ihn stören was er sah, er wirkte aber auch nicht besonders interessiert. „Soll ich später wiederkommen?“
Natürlich sollst du das, du kleiner verdammter… Light erstickte den wütenden Gedanken. In dem letzten Leben, in dem sie einander begegnet waren, hatte Light Near umgebracht, er schuldete ihm also etwas und sollte extra nett zu ihm sein. Natürlich war das ein älterer und arroganterer Near gewesen. Diese Version von Near war jünger und ständig in seiner eigenen Welt gefangen und vor allem unschuldig. Aber er hing an L wie eine Klette, was die Dinge für Light nicht immer einfach machte, da er L in diesem Leben im Wammy Haus in Winchester gefunden hatte, mitten unter all diesen anderen hochbegabten Kindern, die Aufmerksamkeit brauchten und von Dingen wie Privatsphäre nicht besonders viel hielten. Ganz zu schweigen von Watari und Roger, die Light seit seiner Ankunft mit misstrauisch-schrägen Blicken bedachte, wann immer sie ihn sahen. „L’s spezieller Freund“ zu sein brachte ihm keine Sonderbehandlung ein, sondern betonte seinen Außenseiter-Status allenfalls nur noch mehr.
„Nein, Near, ist schon in Ordnung“, behauptete L mit Engelsgeduld und rollte von Light herunter, „Was können wir für dich tun?“
War ja klar, dass er so reagiert… Seit er seine Erinnerungen zurück hatte, war L Near gegenüber nicht weniger anhänglich als der Junge ihm gegenüber. Es war schrecklich. Dabei haben wir nie über Kinder geredet. Und jetzt haben wir gleich von Anfang an einen ganzen Haufen von ihnen…
Neben Near waren auch noch Mello und ein paar andere Kinder hier, unter ihnen L’s anderer jüngerer Bruder, Masayuki, der im Gegensatz zu den anderen Kindern zumindest höflich und zurückhaltend war, auch wenn L behauptete, dass er das nur Light gegenüber wäre, weil er ihn „hübsch“ fände. Zumindest platzt er nicht mitten in unser Schlafzimmer rein, ohne zu klopfen. Das ist mir allemal lieber. Mello platzte auch ständig unangemeldet herein – allerdings anders als Near nicht weil er nicht daran dachte, dass er stören könnte, sondern weil er sehen wollte was die beiden älteren Jungen da eigentlich taten, wenn sie alleine waren, nahm Light an, was irgendwie noch störender und ein wenig unheimlich war. Zumindest war Mello jetzt nicht ebenfalls hier.
„Mir ist aufgefallen, dass die Opfer in Los Angeles alle die Initialen BB besitzen“, erklärte Near sofort pflichtschuldig, „Denn euer Einwand, dass das zweite Opfer QQ-Initialen besitzt wird dadurch zu Nichte gemacht, wenn man die Qs klein schreibt – q- und umdreht, wie das Opfer umgedreht war, und dann erhält man kleine bs – und das Opfer war ein Kind, deswegen passt es wieder ins Profil.“
„Mit viel Phantasie schon, nehme ich an“, murmelte Light, woraufhin L ihn alles andere als sanft in die Rippen boxte.
„Danke für deine Beobachtung, Near“, meinte L, „Wir werden sie berücksichtigen.“
Near nickte eifrig, und sein Blick irrte zwischen L und Light hin und her. „Wollt ihr jetzt weitermachen mit den Erwachsenen-Kram?“, wollte er ehrlich neugierig wissen.
Light hätte sich am Liebsten in der Matratze erstickt. L war wie immer unbeeindruckt.
„Weil Roger Light-kun sprechen wollte. So schnell wie möglich“, fuhr Near fort, „Das sollte ich euch ausrichten.“ Nur, dass er das zwischenzeitlich offenbar vergessen hatte und vom den Gedanken an Bs und Qs und Groß- und Kleinschreibung abgelenkt worden war.
„Dann muss ich wohl zum Direktor“, meinte Light spöttisch, „Und ich sollte mich vorher anziehen.“ Er warf Near einen erwartungsvollen Blick zu. Der blinzelte ihn nur unschuldig an. „Kannst du dich wenigstens umdrehen während ich mich anziehe?“
Near blinzelte wieder. „Ich habe zwar schon alles gesehen, aber wenn das dein Wunsch ist…“, meinte er nur und drehte sich um.
L grinste Light nur vielsagend an. „Light-kun hat ein zu ausgeprägtes Schamgefühl“, meinte er. L würde vor den Augen der Kinder weiter Liebeszeugnisse der körperlichen Art austauschen, wenn Light es zulassen würde. Er besaß überhaupt kein Schamgefühl.
„Ich wurde von japanischen Eltern erzogen“, betonte Light, „Dazu ein wohlerzogener höflicher angepasster Japaner zu sein. Es ist nicht meine Schuld, dass Wammy Haus praktisch ein Nudisten-Bauernhof ist.“ Und das mitten in Winchester. Engländer taten offenbar immer nur so als wären sie wohlerzogen.
Die kleinen Genies hier waren allesamt kleine Monster, Manieren standen hinten an, Watari und Roger hatten offenbar auf andere Eigenschaften Wert gelegt, als sie sie großgezogen hatten. Und trotzdem hatten sie Einwände gegen Lights Anwesenheit, denn er machte sich keine Illusionen, um nichts anderes ging es bei dem Gespräch, was Roger mit ihm führen wollte.
Light war immer ein Musterschüler gewesen, war nie zum Direktor bestellt worden oder höchstens wenn um ihn zu loben und mit Auszeichnungen auszustatten. Doch im Wammy Haus herrschten andere Regeln, er musste nichts anstellen um das Schwarze Schaf hier zu sein, alleine seine Anwesenheit reichte aus um ihn zum Schwarzen Schaf zu machen.
Roger saß hinter seinem Schreibtisch vor dem Light Platz nahm und sah ihn ernst an. Hinter ihm stand Watari, diese Version von ihm wirkte mehr als jemals zuvor wie ein Butler, doch Light wusste es besser. Auch Watari blickte ernst drein.
„Light-kun, du bist jetzt schon einige Zeit hier bei uns“, begann Roger langsam, „Eine Zeit, die du ohne jeden Kontakt zu deiner Familie verbracht hast, und ohne deine Hausaufgaben zu machen – und das so kurz vor deinem Schulabschluss. Eine Zeit, in der du Ls Aufmerksamkeit auf dich konzentriert hast, während er eigentlich arbeiten sollte. Findest du nicht, dass es genug Zeit war, die du hier verbracht hast? Deine Familie macht sich Sorgen um dich. Dein Schulabschluss gerät in Gefahr. Du solltest nach Japan zurückkehren.“
Light wusste, dass Roger seine Familie und seine akademische Karriere egal waren, er wollte einfach nur, dass L nicht mehr abgelenkt war. „Ich helfe L“, betonte er, „Ich halte ihn in keinerlei Hinsicht davon ab seine Aufgaben zu erfüllen.“
„Light-kuns Anwesenheit alleine reicht aus um L davon abzuhalten seine Aufgaben zu erfüllen“, warf Watari unbeeindruckt ein.
So hatten sie sich schon verhalten als Light hier zum ersten Mal aufgetaucht war, das Tagteam bestehend aus dem scheinbar verständnisvollen Roger und dem beinharten kalten Watari, der stehend seine Angriffe ablieferte, kaum, dass Roger aufgehört hatte zu sprechen. Light hatte betteln müssen um überhaupt zu L vorgelassen zu werden, dessen wahren Namen nennen müssen, und selbstmordgefährdet wirken müssen, und das alles nur um zu erreichen, dass er L die Death Note in die Hand drücken konnte, so dass sich dieser wieder an ihn erinnern konnte und selbst erklären konnte, dass er wollte, dass Light eine Weile hierbleiben durfte.
Light fragte sich nicht zum ersten Mal in welcher Beziehung diese beiden Männer zueinander standen und was sie dazu veranlasst hatte ein Waisen-Haus für junge Genies zu führen.
Doch momentan stellten sie vor allem ein Hindernis für ihn dar. Ein Hindernis, das er irgendwie überwinden musste. Ihre Namen in die Death Note zu schreiben wäre so einfach; und wäre so falsch. Diese Männer waren Ls Eltern, Light konnte sie unter keinen Umständen töten, selbst, wenn er es für richtig gehalten hätte Leben zu nehmen (Was er nicht mehr tat, er wusste es besser, nach so vielen Leben musste er es einfach besser wissen!).
Light produzierte ein falsches Lächeln. „Meine Familie will, dass es mir gut geht. Und bei L geht es mir gut. Und was meinen Schulabschluss angeht, meine Noten sind gut genug, so dass ich jederzeit meine Abschlussprüfung nachmachen kann. Ich muss nicht mehr am Unterricht teilnehmen, das weiß jeder“, erklärte er. Dann wandte er sich direkt an Watari. „Meine Anwesenheit kann auch dabei helfen L auf eine Aufgabe zu fokussieren. Es stimmt, dass er sich leicht ablenken lässt, aber wenn ihr wollt, dann kann ich ihn dazu bringen all seine Aufmerksamkeit auf die Mordserie in Los Angeles zu richten.“ (In Wahrheit erinnerte sich L an alles über diese Mordserie aus vorherigen Leben und hatte folglich kein Interesse daran en Fall zu lösen – „Es war B, weil er auf sich aufmerksam machen wollte; er muss immer im Rampenlicht stehen, also wird er früher oder später von selbst aus den Schatten treten und seine eigene Verhaftung einleiten. Wir müssen gar nichts tun, sondern nur abwarten“, hatte L gemeint und auf Lights Einwand, dass Menschen sterben würden, hatte L erwidert: „Nur diejenigen, deren Lebensspanne sowieso abgelaufen ist. B hat Shinigami-Augen, schon vergessen?“ Folglich war es schwer L dazu zu animieren sich auf diesen speziellen Fall zu konzentrieren, und Light wollte nach seinem Treffen mit B vor zwei Schleifen eigentlich auch nichts mehr mit dem Psychopathen zu tun haben und hatte Ls Vorschlag Misora Naomi zu schicken um B zu schnappen, wenn es an der Zeit wäre, nicht widersprochen).
„L sollte nicht seine ganze Zeit im Bett verbringen. Er ist der klügste Mensch, der jemals gelebt hat“, meinte Watari streng. War er eifersüchtig, weil niemand seine Zeit mit ihm verbringen wollte? Light hatte sich bisher nie besonders viele Gedanken darüber gemacht, ob Watari ihn mochte, aber nun wurde ihm klar, dass er offenbar die Sorte Partner war, mit der Watari nicht einverstanden war, was … etwas war, mit dem er noch nie zuvor hatte umgehen müssen. Misa war Waise gewesen, und alle anderen Mädchen – nun, normalerweise sahen ihn deren Eltern als den perfekten potentiellen Schwiegersohn an.
„Und er wird sein Potential nicht verschwenden. Das will ich genauso wenig wie ihr. Ich will nur … bei ihm sein dürfen. Mit ihm zusammen Fälle lösen.“ Das würde Light immer wollen. Und nie war es ihm vergönnt, wie es schien.
„Dazu bist du nicht qualifiziert, Light-kun“, meinte Roger sanft, „Du hast nicht einmal die Schule abgeschlossen. Und du bist noch minderjährig. In ein paar Jahren, wenn du eine entsprechende Ausbildung abgeschlossen hat, spricht nichts gegen eine Zusammenarbeit mit L, wenn er es wünschen sollte, doch momentan können wir nicht zulassen, dass du dich in Gefahr begibst, nur weil du … denkst verliebt zu sein.“
Daher wehte also der Wind. Für Watari und Roger war Light ein Fremder, der praktisch aus dem Nichts aufgetaucht war; sie hielten ihn für eine Online-Bekanntschaft von L oder jemanden, den der mal flüchtig bei der Arbeit an einem Fall getroffen hatte – wie sollten sie auch ahnen, dass Light und ihren Wunderknaben mehrere Leben verbanden, in denen sie zusammen und gegeneinander gearbeitet hatten? Und wie sollte Light ihnen klar machen was L ihm bedeutete und umgekehrt?
Ich bin wieder ein Teenager. Ich hasse es ein Teenager zu sein. Ich war noch nie gut darin. Nicht mal als ich wirklich einer war. Kein einziges Mal davon, wenn ehrlich bin.
Light seufzte. „Ich bin noch nicht bereit zu gehen“, meinte er, „Bitte, lasst mich noch ein wenig bleiben. Ich verspreche auch, dass ich L nicht ablenken werde, ihn zur Arbeit anregen werde und mich dabei nicht selbst in Gefahr begeben werde.“ Er stellte seinen ehrlichsten-ernsten Gesichtsausdruck zur Schau.
Beide Männer starrten ihn an. Dann seufzten sie.
„Also schön, Light-kun“, meinte Roger, „Ein bisschen kannst du noch bleiben. Aber nicht auf Dauer, es kann nicht ewig so weiter gehen.“
Light nickte pflichtschuldig, war im Stillen aber vollkommen anderer Meinnung.
Rückblickend hätte er vielleicht auf Roger und Watari hören sollen. Oder zumindest ihre Sorgen zur Kenntnis nehmen sollen. L hatte es auf jeden Fall nicht getan, er war L, er ging immer auf volles Risiko und war durchaus bereit die Leben anderer zu gefährden, wenn er das für angemessen hielt. Und er war verändert, seine Zeit als Todesgott für Shinigamis hatte ihre Spuren hinterlassen, vielleicht tiefere als L selbst wahrhaben wollte.
Light hatte B ja auch nicht davon kommen lassen wollen, aber ihn selbst zu stellen nachdem L zuerst scheinbar so uninteressiert an dem ganzen Fall gewesen war … Nun, laut L hatte es mehr Leichen als normalerweise gegeben und unter ihnen Misora Naomi, obwohl diese bei diesem Fall eigentlich gar nicht hätte sterben sollen, da B doch nur Opfer tötete, deren Lebensspanne bereits so gut wie abgelaufen war. Und Misora Naomi war sonst immer ein Opfer von Kira gewesen.
Natürlich hatte Light seine Death Note in dieser Realität noch nie benutzt, und vielleicht war Naomi einfach dann gestorben, wenn sie normalerweise Kira zum Opfer gefallen wäre. Immerhin war die BB-Mordserie verspätet dran, während Kira gar nicht mordete.
Aber trotzdem ging es L sichtbar gegen den Strich, dass sein Möchtegern-Rivale seine Vertraute umgebracht hatte. Er wollte B stellen und aufhalten, und Lights Vorschlag Beyond Birthdays Namen einfach in die Death Note zu schreiben wollte er nicht hören.
„Wir können das nicht wieder tun“, betonte L, „Wir sind besser als das.“
Light war eigentlich der Meinung, dass es Ausnahmen geben sollte, dass man wirklich gefährliche und bösartige Individuen so wie B vielleicht nur so aufhalten konnte, aber er war sich auch bewusst, dass er vielleicht nur deswegen so dachte, weil er die Death Note besaß und sie immer noch nicht verbrannt hatte. Sie zu besitzen aber nicht zu vernichten war der Kompromiss gewesen auf den sie sich geeinigt hatten, doch wenn L wüsste was Light für Gedanken kamen, dann würde er vielleicht darauf bestehen die Death Note doch zu verbrennen, also diskutierte Light gar nicht erst mit ihm, sondern nahm seine Entscheidung hin und half ihm so gut er konnte dabei B zu finden und zu stellen (obwohl er gut damit hätte leben können den Mann nie wieder zu sehen).
Doch bei der großen Konfrontation in der Wohnung eines Kerls namens Bo Bystander ausgerechnet (ernsthaft wählte B seine Opfer nach dem Kriterium der seltsamsten Namen aus oder was sollte das werden?!), starrte B sie beide an und verkündete: „Ihr… Was habt ihr gemacht?!“
Light nahm an, dass er sich darauf bezog, dass er die Todesdaten der Besitzer der Death Note nicht sehen konnte. Aber wieso ihr? Meint er uns beide? Eine Death Note kann doch nicht mehr als einen Besitzer haben. Oder? Er erinnerte sich deutlich daran Mia genau deswegen in jenem amerikanischen Leben getötet zu haben.
„Wenn du kein Todesdatum sehen kannst, dann ist das deswegen, weil…“, setzte Light an.
„Kein Todesdatum?“ B lachte als er das hörte. „Ja, so könnte man es auch nennen. Ich meine, ich habe schon gesehen, dass sich die Lebensspanne ändert, aber das … Das ist als wärt ihr mehr als nur eine Person…“
L und Light wechselten einen vielsagenden Blick. Offenbar hatte ihre Erinnerungen doch Auswirkungen auf ihre aktuellen Körper (doch warum was das erst jetzt der Fall? Hing das doch mit dem Besitz der Death Note zusammen?). „Wie auch immer“, fuhr B fort, „Ich kann euch nicht leben lassen. Nicht wenn ihr so etwas Unnatürliches seid.“
L schoss, bevor B schießen konnte. Doch das brachte nichts.
Nicht auf Dauer.
Seit er die Death Note gefunden hatte und seine Erinnerungen zurückbekommen hatte, hatte er Ryuk in diesem Leben noch nicht gesehen, doch das änderte sich jetzt. Der Shinigami tauchte aus dem Nichts auf, mit seiner eigenen Death Note in der Hand. „Er hat recht, wisst ihr“, stellte er fest, „All diese Erinnerungen, sie machen euch unnatürlich. Unbrauchbar. Ich wollte sehen was ihr anstellt, aber ihr habt genau nichts getan. Das ist langweilig. Ich sollte das beenden. Beim nächsten Mal haben wir alle vielleicht mehr Glück.“
Light funkelte den Shinigami an. „Dann werden wir sehen wer schneller schreiben kann“, meinte er und öffnete seine Uhr mit dem versteckten Blatt der Death Note darin. L hatte sich weichkochen lassen ihm Ryuks richtigen Namen zu nennen, nur für den Fall, aber natürlich Lights Death Note eine für Menschen. Es sollte nicht passieren. Ryuk war auch dieser Meinung. Er lachte. „Das ist die falsche Death Note, Light“, meinte er nur, „Sorry.“
Light schrieb ihn trotzdem nieder, während Ryuk ihn und L aufschrieb. Und dann inne hielt.
„Was? ...“ Er starrte L an. „Hattest du sie etwa noch? Das andere Notizbuch… Aber wie…?“
Light warf L einen verwirrten Blick zu. „Sie wurde mir zugeschickt. Ich habe deinen Zettel ausgetauscht“, erklärte L, „Tut mir leid. Ich musste uns schützen, und da du die Death Note nicht verbrennen wolltest…“
L hatte ihn schon wieder Dinge vorenthalten. Aber Light hatte keine Zeit mehr sich darüber zu grämen. Ryuks Taten zeigten ihre Wirkung.
„L… im nächsten Leben…“, setzte Light an, und dann konnte er gar nichts mehr sagen.
„Nun denn“, sagte der Shinigami-König, als sie vor ihm standen (Light wusste nicht woher er wusste um wen es sich handelte, doch er wusste es), „Ihr beide. … Was soll ich nur mit euch machen?“
L wirkte kein bisschen eingeschüchtert, als er vortrat und erklärte: „Ich hätte da einen Vorschlag….“
Und Light konnte nur ungläubig zuhören.
