Chapter Text
„Den hat’s ja richtig zerfetzt“, waren die letzten Worte gewesen, die Leo gehört hatte, bevor alles um ihn herum dunkel geworden war. Vorher, daran konnte er sich irgendwann hinterher nach und nach wieder erinnern, hatte er sich überrumpeln lassen. Und es hatte gebrannt irgendwo an seinem Bein und seiner Hüfte. Es hatte dumpf geschmerzt irgendwo an seinem Nacken und Rücken. Es hatte gepfiffen und gerauscht irgendwo in seinen Ohren. Es hatte sich feucht, fast schon nass angefühlt, irgendwo an seiner linken Hand. Das war’s, hatte er gedacht, als er durch die Luft geschleudert worden war. Was denn jetzt noch?, hatte er gedacht, als er irgendwann irgendwo in einem hellen Zimmer wieder aufgewacht war. Das war’s also doch noch nicht. Jedenfalls nicht so ganz.
Aber apropos ganz. „Wird eine ganze Weile dauern, bis Sie wieder ganz in Ordnung sind“, hatte irgendein Arzt irgendwann, Tage später, zu ihm gesagt. Sollten Ärzte so etwas überhaupt sagen? Egal. War dann eben so. Und war egal. Echt egal. Mit seinem Job war’s das jedenfalls, auch wenn der Arzt wiederum ein paar Tage später gesagt hatte: „Das kriegen die dann schon wieder hin.“
Die. Wer? Wer sollte das schon wieder hinkriegen? Ihn. Wer sollte ihn schon wieder hinkriegen?
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„Adam Schürk. Welche Freude. Wenn du irgendwann mal pünktlich bist, beantrage ich die Rente“, sagte Esther, als sich Adam um Punkt sieben Uhr am Montagmorgen neben sie stellte und seinen Spind öffnete.
„Ich bin pünktlich. Und einen schönen guten Morgen auch dir“, antwortete Adam mit einem unbeeindruckten Grinsen im Gesicht. Jeden Morgen das gleiche Spielchen mit Esther, der notorisch überpünktlichen Kollegin und Teamleiterin, die grundsätzlich zehn Minuten zu früh zum Dienst erschien und dann der Meinung war, alle anderen – und vor allem Adam – seien zu spät.
„Bin gespannt, ob der so schön für dich wird“, sagte Esther und wedelte mit den neuen Wochenplänen vor Adam herum.
„Hm?“, machte Adam, der gerade sein T-Shirt über den Kopf gezogen hatte und im Spind nach einem sauberen Arbeitsshirt kramte.
„Ein Haufen Neue diese Woche, und du hast den Hauptgewinn, würd ich sagen“, fuhr Esther fort, der Adam das schadenfrohe Grinsen regelrecht anhören konnte. Er seufzte, schlug die Spindtür zu, lehnte sich mit verschränkten Armen dagegen und sagte: „Und ich beantrage die Rente, wenn du endlich mal kapierst, dass mich hier nichts schocken kann.“
Damit stieß er sich vom Spind ab und verließ den Personalraum. Esther fiel sogleich neben ihm in einen Gleichschritt und fuchtelte erneut mit den Blättern herum. „Es gibt für alles ein erstes Mal!“, rief sie und fuhr, als Adam sich immerhin dazu herab ließ, eine Augenbraue in die Höhe zu ziehen, triumphierend fort: „SEK… oder naja, jetzt vermutlich Ex-SEK, Anfang dreißig, fast totaler Totalschaden. Solche Typen hast du doch gefressen, ich kenn dich doch.“
Adam holte tief Luft und war schon kurz davor ihr zu antworten, dass sie ihn nicht mal ansatzweise kannte, besann sich aber eines Besseren. Stattdessen streckte er Esther die Hand hin, damit sie ihm seine Papiere reichte. Was sie auch tat, allerdings natürlich garniert mit einem letzten „Viel Spaß mit dem Möchtegern-Rambo“. Dann bog sie winkend nach rechts ab und ging die nächste Treppe hinauf, während Adam seine Schritte verlangsamte und schließlich stehenblieb. Er blätterte in den Papieren, die Dank Esther mehr als nur die nötigsten Angaben enthielten. Auch wenn sie eine ziemliche Nervensäge sein konnte, musste Adam ihr doch zugestehen, dass sie ihren Job gut machte und sich eingehender mit den Akten ihrer neuen Patienten beschäftigte, als es eigentlich zu ihren Aufgaben gehörte. Sie suchte meist schon vorab möglichst viele Hintergrundinformationen zusammen, sodass sie und ihr Team so gut wie möglich vorbereitet waren, wenn eine neue Woche mit neuen Patienten startete.
Im Fall von Leo Hölzer hatte Esther sich allerdings selbst übertroffen. Adam konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so viele Blätter zu einem neuen Patienten in Händen gehalten hatte. Seine Augen flogen über die Seiten und er wusste nach drei Minuten, er würde den Kerl hassen. Sein Vater hingegen – der hätte den Kerl geliebt. Ein Kämpfer, ein Fighter, einer, der keine Gefahr scheute, der beständig hart an sich arbeitete, der nicht nachließ, nicht nachgab und der so ganz anders war als Roland Schürks Enttäuschung von einem Sohn. Ein Grund mehr, den Typen zu hassen. Steile Karriere beim Sondereinsatzkommando, schon allein diese Information genügte, damit Adam die Galle hochkochte. Einsätze mit und ohne Verletzungen. Streifschüsse, eine gebrochene Schulter, angeknackste Wirbel. Der Penner legte es offensichtlich echt drauf an.
„Kannste jetzt erstmal in der Pfeife rauchen“, murmelte Adam, als er seinen Weg schließlich langsam fortsetzte und die Angaben zu Hölzers aktuellen Verletzungen dabei genauer studierte. Schon bei jemandem mit einem stinknormalen Beruf, nach einem schweren Verkehrsunfall etwa, wäre die nötige Therapie mit ziemlicher Sicherheit kein Zuckerschlecken geworden. Aber Typen wie Hölzer… Typen wie Adams Vater… für die gab es kein Ein Schritt nach dem anderen, kein Und langsam steigern, kein Beim nächsten Mal dann etwas mehr. Für die musste alles ganz schnell gehen, am besten gestern als heute schon wieder ohne Krücken und morgen dann wieder im Dienst. Ein Indianer kennt keinen verfickten Schmerz, und ein Superheld vom Sondereinsatzkommando erstrecht nicht.
„Der soll mir blöd kommen und ich werd‘ den Pisser zurecht stutzen“, sagte Adam leise zu sich selbst, bevor er die Türklinke herunterdrückte und seinen großen, hellen Therapieraum betrat. In dem Leo Hölzer laut Plan bereits auf ihn hätte warten sollen – doch Adam wurde von gähnender Leere begrüßt.
Er schloss langsam die Tür hinter sich und ging hinüber zu seinem Schreibtisch. Dort blätterte er erneut in Hölzers Unterlagen, griff seufzend nach dem Hörer des Telefons und wählte die Durchwahl zu Hölzers Zimmer. Am anderen Ende klingelte und klingelte es, aber niemand nahm ab. Adam legte auf und wollte gerade die Nummer der Rezeption wählen, da klopfte es irgendwie zögerlich an der Tür.
„Wow, wild entschlossen“, brummte Adam und rief laut: „Herein!“
Er ging um seinen Schreibtisch herum und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Tischkante. Und er hatte keine Ahnung, was genau er erwartet hatte, aber der Mann, der auf Krücken gestützt langsam in den Raum schlurfte, erinnerte so gar nicht an jemanden, der wild entschlossen in spätestens zwei Wochen wieder bis an die Zähne bewaffnet irgendwelche Gebäude stürmen wollte.
„Herr Hölzer?“, fragte Adam, nachdem die Tür hinter dem Mann zugefallen war. Er blieb sofort stehen, hob seinen Kopf und sah Adam zum ersten Mal direkt an. „Leo Hölzer, ja“, antwortete er mit schleppender Stimme.
Die beiden Männer standen sich für einen Moment schweigend gegenüber. Adam wusste, er musste etwas sagen, er war derjenige, der hier die Anweisungen gab, und doch fehlten ihm gerade die Worte. Kurz dachte er erneut an seinen Vater und was der beim Anblick von diesem Leo Hölzer gesagt hätte – „Waschlappen!“ – zwang seine Gedanken und seine Konzentration dann aber wieder zurück in den Therapieraum. Er räusperte sich und sagte: „Adam Schürk. Ich bin Ihr Therapeut für die nächsten Wochen…“
„Wochen…“, murmelte der dunkelhaarige Mann abfällig.
„Ja, Wochen“, wiederholte Adam, konnte der Steilvorlage nicht widerstehen und fügte hinzu: „Womöglich auch Monate.“
„Du willst mich wohl verarschen“, stieß der Mann auf seinen Krücken hervor und Adam passte sich dem Umschwung zum Du sofort an, als er antwortete: „Da muss ich dich enttäuschen, leider vermutlich nicht. Aber… das werden wir erst nach einigen Terminen endgültig sehen.“
„Und mehr als einige Termine werden das hier auch nicht werden“, sagte Leo.
„Aha, und wieso nicht, wenn ich fragen darf?“ Sie standen sich noch immer gegenüber und Adam war nicht entgangen, dass Leos auf die Krücken gestützten Arme leicht zu zittern begonnen hatten. Muskelabbau war eine fiese Sache, und bei jedem anderen Patienten hätte Adam jetzt einen Stuhl oder die Liege zum Hinsetzen angeboten. Aber Leo Hölzer hatte seine professionelle – und etwas niederträchtige – Neugier geweckt und Adam war gespannt, ob er von selbst um Hilfe bitten oder so lange warten würde, bis seine Arme endgültig nachgaben.
„Weil das sowieso zu nichts führt, wenn es Monate dauert… Monate. Da ist doch dann wohl alles kaputt“, sagte Leo bitter und kippte in diesem Moment tatsächlich zur Seite. Adam war mit zwei langen Schritten neben ihm, griff vorsichtig aber bestimmt unter Leos Arm und zog ihn ebenso vorsichtig aber bestimmt hinüber zur Therapieliege.
„Setz dich und quatsch nicht so einen Schwachsinn.“ Das hatte Adam gerade noch gefehlt, ein Ex-Muskelprotz, der sich selbst bemitleidete und seinem ehemals traumhaften Leben hinterher heulte. Die härtesten Typen waren die miesesten und jammervollsten Patienten, das kannte Adam schon. Aber mit den Wehklagen direkt in medias res zu gehen, noch bevor Adam überhaupt mit seiner Arbeit begonnen hatte, das war schon ziemlich rekordverdächtig.
„Was weißt du denn schon“, murmelte Leo und schaffte es mehr schlecht als recht, sich auf die Liege zu setzen. Adam nahm ihm energisch die Krücken aus den Händen und stellte sie zur Seite.
„Jedenfalls mehr als du. Und wenn wir jetzt endlich anfangen könnten, wüsste ich gleich noch mehr. Also, Oberteil und Hose ausziehen“, sagte Adam, der den ungeduldigen Unterton in seiner Stimme kaum zu unterdrücken vermochte. Leos Blick schnellte zu Adams Augen hinauf. Der verdrehte die Augen und erklärte: „Die Merkblätter wohl nicht gelesen, was? Ich muss mir dich schon genau ansehen, und du musst dich frei bewegen können.“
Damit trat Adam dicht an seinen Patienten heran und griff nach dem Saum seines T-Shirts. Langsam, aber gehorsam hob Leo so gut es ging seine Arme. „Das reicht“, sagte Adam als er merkte, dass die Bewegungen Leo Schmerzen bereiteten. Er zog vorsichtig an dem Stoff, bis Leo schließlich mit nacktem Oberkörper vor Adam saß. Dem fielen sofort mehrere gerade so verheilte Narben und Spuren von anderen, kleineren Verletzungen auf, die er, geübt wie er darin war, sofort in seiner mentalen Leo Hölzer-Akte abspeicherte. Nachdem er Leo auch beim Ausziehen seiner Trainingshose geholfen hatte, wies Adam ihn an: „Leg dich auf den Rücken und entspann dich.“
Leo schnaubte und sagte, während er mühsam seine Beine auf die Liege hob: „Entspannen. Du hast echt keine Ahnung, Mann.“
Adam trat an die Liege heran, zog noch mit raschen Bewegungen Leos Sneaker aus und legte seine Hände an Leos linken Unterschenkel. Für einen Moment musste er sich selbst daran erinnern, dass er Profi und Leo lediglich Teil seiner Arbeit war, als er den bis auf die Boxershorts ausgezogenen Mann vor sich liegen sah. Dann sagte er: „Ja, sowas in der Art sagtest du schon. Und ich sage dir gerne nochmal und hoffentlich so, dass du es endlich verstehst: halt jetzt deine Fresse.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hob er Leos Unterschenkel an und zog ihn mit einer Hand langsam aber stetig zum Oberschenkel hin, auf dem seine andere Hand derweil ruhte.
„Hnnnnghh, ffffuck…“, stieß Leo hervor. Für den Bruchteil einer Sekunde sprang Adams Blick wie automatisch zu Leos leicht schmerzverzerrtem Gesicht, und der Anblick ließ Adams Atmung kurz stottern. Ob Leo, der, hätte Adam einen Typ Mann gehabt, unbestreitbar haargenau sein Typ gewesen wäre, auch im Bett so aussähe, wenn Adam zwischen seinen Beinen knien und mit seinen langen Fingern… Scheiße, Schürk, tickst du noch ganz richtig?
„Alles okay, entspann dich. Noch einen Moment halten“, sagte Adam so ruhig wie möglich und drückte Leos Unterschenkel unablässig an seinen Oberschenkel. Als er kurz darauf die Spannung löste und Leos Bein langsam wieder streckte, atmete Leo hörbar aus. Na, immerhin hast du nicht das Heulen angefangen, dachte Adam und begann damit, behutsam Leos Bein abzutasten. „Kannst du mir sagen, was da genau passiert ist?“, fragte er konzentriert.
„Steht das nicht in deinen schlauen Unterlagen?“, fragte Leo schnippisch zurück.
Blöder Arsch, dachte Adam und drückte mit Absicht fest, aber nicht so fest, dass er ernsthaften Schaden hätte anrichten können, auf eine Stelle an Leos Oberschenkel.
„Aaahhh, spinnst du oder was? Du hast sie ja nicht mehr alle!“, fuhr Leo ihn, wenig überraschend, an.
„Ich weiß genau, was ich tue“, sagte Adam unbeirrt, legte nun aber seine Hände flach auf Leos Bein.
„Dann soll das also so weh tun?“, fragte Leo mit schon wieder etwas ruhigerer Stimme.
„Das tut nur so weh, weil du dich aufführst wie ein Arsch.“
„Du führst dich auf wie ein Arsch. Ich bin hier der Patient“, gab Leo zurück und hätte wohl, wenn er gekonnt hätte, so dachte Adam, seine Arme beleidigt vor seiner Brust verschränkt.
„Mhm. Dann benimm dich verdammt nochmal auch so“, sagte Adam und wandte sich für den Rest der Stunde Leos Oberkörper, Armen und Schultern zu.
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Zurück auf seinem Zimmer ließ Leo sich mit einem leisen Stöhnen auf die Bettkante fallen. Du bist so ein Schwächling, dachte er und ließ die Krücken einfach auf den Boden fallen. Eine Stunde. Eine verfickte Stunde mit verfickten Übungen, die sogar ein Achtjähriger achtmal besser hingekriegt hätte. Ohne dabei nach zehn Minuten ins Schwitzen zu kommen. Ohne dabei zu jammern und sich die Lippe fast blutig zu beißen, um diese beschissenen Schmerzen zu unterdrücken. Was zur Hölle war nur los mit ihm? Wie sollte er jemals wieder...
Und dann dieses Arschloch von einem Therapeuten. Auch wenn Leo bisher noch nie einen Physiotherapeuten benötigt hatte – seine Verletzungen waren meist oberflächlich und in zwei, drei Tagen auskuriert und Leo vor allen Dingen nicht so ein Jammerlappen gewesen – war er sich doch sicher, dass dieser Adam Schürk seinen Beruf gnadenlos verfehlt hatte. Leo wollte nicht bemuttert und bemitleidet werden, keineswegs, aber dieser blonde Penner... wie unverschämt konnte ein Mensch allein eigentlich sein?
Wenigstens hatten sie sich irgendwann schweigend darauf verständigt, nur noch das Nötigste miteinander zu reden. Adam hatte Leo von Zeit zu Zeit gefragt, ob diese oder jene Bewegung mehr oder weniger weh tat, ob es schmerzte, wenn er da oder dort drückte, ob Leo dies allein machen und bei etwas anderem Hilfe gebrauchen konnte. Und Leo waren die verstohlenen Blicke seines Therapeuten nicht entgangen – und er konnte es ihm nicht verdenken. Selbst nach seinem wochenlangen Klinikaufenthalt ohne Training sah Leo zweifellos noch immer verdammt gut aus, von seinen Verletzungen einmal abgesehen. Und Adam hatte genug Zeit und Gelegenheit gehabt, Leos Körper genau unter die Lupe zu nehmen, und das nicht nur aus beruflichen Gründen, da war Leo sich sicher. Und herrje, er selbst hatte ja auch den einen oder anderen Blick riskiert. Der Typ mochte ja charakterlich eher fragwürdig ausgestattet sein, aber... schlank, groß, blonde Haare, große und verdammt schöne Hände, Leo hätte gelogen, wenn er behauptet hätte, dass ihn manche Berührung dieses Mannes nicht ein wenig unruhig gemacht hatte. Seinen Kollegen gegenüber hätte er das nie und nimmer zugegeben, aber hier, hier kam er sich vor wie in einer Blase. Einer anderen Welt. Einer Welt, in der er zwar ums Verrecken nicht sein wollte und die er so schnell wie möglich wieder verlassen wollte, aber verdammt, wenn er nun schon hier sein musste, dann konnte er ja wenigstens den Ausblick genießen.
Leo holte tief Luft und sah auf sein Handy. Noch eine halbe Stunde, dann musste er zu seinem nächsten Therapietermin. Wieder mit Adam, diesmal zu irgendeiner Art von Massage. Massage, völlig überflüssiger Schwachsinn für Leute, die den ganzen Tag im Büro hockten und sich dann wunderten, dass sie am ganzen Körper verspannt waren. Und anstatt sich selbst einfach mal mehr zu bewegen, Joggen zu gehen oder sonstwas, rannten sie zur Massage, ließen jemand anderen ihren eigenen vergeigten Scheiß wieder in Ordnung bringen und sich das am Ende auch noch von der Krankenkasse bezahlen.
„Fuck, ich will doch einfach nur wieder...“, murmelte Leo schließlich, als er nach seinen Krücken angelte und wieder vom Bett aufstand. Und er ahnte, er würde nie wieder. Nie wieder den Job machen können, den er machen wollte. Stattdessen vielleicht an irgendeinem Schreibtisch versauern. Mit viel Glück vielleicht noch Einsatzleitungen übernehmen, was sich wesentlich großartiger anhörte als es war.
Seufzend schleppte er sich aus seinem Zimmer und zum Aufzug, der ihn hinunter in den Therapiebereich des Reha-Zentrums brachte. Aufzug! Wann hatte er schon jemals in seinem Leben einen Aufzug benutzt?
An seinem Ziel angekommen sah er, dass die Tür zu Adams Therapieraum offen stand. Leo klopfte wie schon bei seinem vorherigen Termin an und hörte Adam „Komm rein!“ rufen. Leo betrat langsam den Raum und wollte gerade etwas sagen, da begrüßte Adam ihn mit den Worten: „Diesmal bessere Laune mitgebracht?“
Leo schnaubte und schüttelte den Kopf. Er blickt Adam direkt in die Augen und sagte genervt: „Können wir einfach nicht reden?“
„Da wäre ich bei einem Patienten wie dir sofort dabei, aber das gehört zur Therapie leider auch dazu.“
Leo sah Adam irritiert an. „Du sollst mich einfach nur... massieren und den ganzen anderen Kram. Wozu muss man da reden? Mach einfach.“
Wie schon bei ihrem ersten Termin lehnte sich Adam mit verschränkten Armen an die Kante seines Schreibtischs und erklärte, und das mit einem Unterton, als wäre Leo fünf Jahre alt: „Du wirst es nicht glauben, aber einfach nur schweigend den ganzen Kram, wie du es nennst, über dich ergehen lassen, wird womöglich nicht von allzu viel Erfolg gekrönt sein...“
„Weil du scheiße in deinem Job bist und keine Ahnung hast, was du tust?“
„Nein, du blöder Idiot. Weil Heilung im Kopf anfängt und in deinem Kopf nicht allzu viel los zu sein scheint außer Selbstmitleid und Selbstsabotage“, erwiderte Adam ungeduldig.
„Selbstsabotage? Was soll denn der Schwachsinn bedeuten?“, fragte Leo und war sich ziemlich sicher, dass er die Antwort gar nicht hören wollte. Widerwillig folgte er Adam, der sich inzwischen wieder vom Tisch abgestoßen hatte, zu einer Massageliege. Der blonde Mann drehte sich zu Leo um und sagte: „T-Shirt ausziehen. Und das ist kein Schwachsinn. Das ist deine Art, nicht mit dem umzugehen, was mit dir passiert ist.“
„Was weißt du denn schon, was mit mir passiert ist“, schnaubte Leo und bestand diesmal darauf, sein T-Shirt ohne Adams Hilfe auszuziehen. Morgens und abends allein in seinem Zimmer kriegte er das ja auch hin, so irgendwie jedenfalls.
„Davon weiß ich vermutlich mehr, als du selbst. Ich muss nichts wissen über die genauen Umstände und welch grandiose Selbstüberschätzung deinerseits dazu geführt hat, dass es dich beinahe auseinander gehauen hat. Ich sehe und spüre aber das Ergebnis, wenn ich dich und deinen Körper...“
„Fuck, halt jetzt echt die Schnauze, oder ich vergess' mich!“, fiel Leo Adam ins Wort, der daraufhin eine Grimasse schnitt und sagte: „Yep. Ich sag's ja.“ Er bedeutete Leo, sich auf dem Rücken auf die Liege zu legen, was der mit zusammengekniffenen Augen tat.
„Und jetzt?“, fragte Leo betont ungeduldig, als Adam für einen Moment einfach nur dastand und Leo ansah.
„Jetzt sehe ich mir dich an, erst mit den Augen, dann mit den Hän...“
„Das hast du doch vorhin schon gemacht!“
„Ja, Schlaumeier, aber vorhin habe ich auf andere Dinge geachtet“, sagte Adam und verdrehte die Augen.
„Junge, du machst mich echt fertig“, erwiderte Leo, ohne über seine Worte nachzudenken, ließ seinen Kopf nach hinten fallen und schloss die Augen.
„Ich hab' noch nichtmal angefangen...“, murmelte Adam und griff nach Leos Handgelenken, um seine Arme so neben seinen Körper zu legen, wie Adam es brauchte. Die Berührung ließ Leo zusammenzucken und seine Augen wieder öffnen. Adam drehte seinen Kopf, sah Leo kurz in die Augen und sagte: „Sorry. Entspann dich und lass locker.“
„Ich...“
„Und kein Gequatsche, mach's einfach.“
„Gleichfalls“, gab Leo mit einem vor Sarkasmus nur so triefenden Unterton in der Stimme zurück, versuchte nun aber tatsächlich, sie zu entspannen. Er schloss die Augen gerade so weit, dass er Adam zumindest teilweise bei dem, was er tat, beobachten konnte. Leo sah, wie Adam sich neben der Liege bewegte, sich zu Leos Körper herunterbeugte und schließlich damit begann, Leo ganz leicht zu massieren. Zunächst an den Beinen, dann an den Armen, wobei er sich an das Kopfende der Liege stellte und sich weit und tief über Leo beugte, um seine Hände synchron und mit angenehmem Druck über Leos Arme gleiten zu lassen, bis hinauf zu seinen Schultern. Auch als er sich Leos Brustmuskulatur zuwandte, blieb er am oberen Ende der Liege stehen und Leo konnte Adams T-Shirt und Bauch fast an seinem Kopf spüren. Er konnte das Waschmittel an Adams Shirt riechen, das Duschgel an Adams Haut, und er spürte die Wärme, die von Adams Körper ausging.
Irgendwann wechselte Adam an eine Seite der Liege und presste mit seinen Daumen deutlich fester in eine Stelle an Leos Brust hinein.
„Argh, fuck, das tut weh!“, rief Leo aus und warf Adam einen wütenden Blick zu.
„Das wollte ich nur wissen“, sagte Adam und verfickt nochmal, grinste er etwa?
„Geht das auch anders?“, blaffte Leo ihn an und wollte mit einer Hand Adams Hände weg schlagen, doch der Therapeut war schneller. Er fing Leos Hand in der Luft mit seiner eigenen ab und sagte: „Meine Güte, stell dich nicht so an, Herr Sondereinsatzkommando. Dreh dich jetzt lieber auf den Bauch.“
„Noch so'n Ding und ich gehe und beschwer' mich über dich“, brummte Leo, drehte sich aber gehorsam auf den Bauch. „Was sollte das überhaupt?“
„Süßer, du bist völlig verspannt, was kein Wunder ist, das kommt unter anderem von den Krücken. Und daher, dass du mental so dermaßen angespannt bist, aber das...“
„Geht dich einen Scheiß an, wie schon gesagt, Süßer“, fiel Leo Adam genervt ins Wort.
„Mhm“, machte Adam und legte seine Hände sanft auf Leos Schulterblätter. Er drückte ihn ebenso sanft flach auf die Liege und zog Leos Arme, die dieser unter seiner Stirn verschränkt hatte, an Leos Seiten. „Liegst du bequem?“, fragte er, nachdem Leo seinen Kopf in die Aussparung am Kopfende gelegt hatte.
„Im Moment schon“, erwiderte Leo mit einem warnenden Unterton in der Stimme, und er konnte Adam hinter sich leise lachen hören. Kurz darauf spürte er Adams Hände über seinen Rücken gleiten, sanft und irgendwie feucht, vermutlich hatte er irgendein Massageöl auf seine Hände gegeben. Mit der Zeit entspannte Leo sich immer mehr, schloss die Augen, wartete irgendwann nicht mehr auf Adams Finger, die sich schmerzhaft in irgendeine Stelle bohrten, sondern begann tatsächlich, den sanften und manchmal auch stärkeren, aber eindeutig wohldosierten Druck zu genießen.
„Ist das okay so?“, hörte Leo den Therapeuten irgendwann noch fragen, woraufhin er mit einem schläfrigen „Mhmm...“ antwortete. Kurz darauf schlief Leo ein.
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„Mhmm...“, hörte Adam Leo murmeln, und er musste lächeln. Und kurz darauf musste Adam gleich noch ein wenig breiter lächeln als er spürte, wie der Körper des dunkelhaarigen Mannes unter seinen Händen mit einem Mal ganz weich wurde. Es war nicht das erste Mal, dass ein Patient unter Adams Massage einschlief, doch bei Leo hätte Adam niemals damit gerechnet. In ein, zwei Wochen vielleicht, wenn er endlich verstanden hatte, worum es hier ging und wie er mitarbeiten musste, wenn er sich wieder so vollständig wie möglich von seinen Verletzungen erholen wollte. Aber heute war Adam ehrlich überrascht, dass Leo es tatsächlich geschafft hatte, loszulassen und sich so weit zu entspannen, dass er schon nach wenigen Minuten auf dem Bauch liegend einschlief.
Adam setzte seine Massage konzentriert fort, gestattete sich dabei aber wieder und wieder einen Blick auf Leos Rücken, seine Schulterblätter, seinen Nacken und die dunklen Haare, die sich im Nacken ein wenig kräuselten. Er lauschte auf Leos gleichmäßigen Atem, spürte Leos Waden unter seinen Händen, die sich auch im Schlaf fest und trainiert anfühlten. Die Versuchung war groß, auch über Leos Arsch zu streichen, doch Adam widerstand. Er hatte in der kurzen Zeit mit Leo schon mehr als eine professionelle Grenze überschritten, hatte mit ihm auf eine Art und Weise geredet, die Esther ausflippen lassen würde, würde sie davon hören – und zurecht. Den Hintern des schlafenden Mannes zu berühren, der Adam auf nicht nur eine Art wahnsinnig machte, das untersagte Adam sich jetzt ganz bewusst selbst, auch wenn er seine Finger deutlich zucken spürte.
Schürk, schmink dir das ab, sagte er zu sich selbst und bewegte sich wieder mehr in Richtung Kopfende. Er ließ seine Hände nun Leos Wirbelsäule entlang gleiten bis hinauf in seinen Nacken, dann wieder hinab und wieder hinauf, Wirbel für Wirbel. Nach mehreren Wiederholungen, während derer er den Druck mehr und mehr erhöhte, konzentrierte er sich auf Leos Schulter- und Nackenbereich. Auch hier begann er sanft und setzte nach und nach mehr Kraft ein. Er spürte, wie Leo unter ihm ein wenig unruhig zu werden schien, vermutlich, weil er gleich wieder aufwachen würde. Adam setzte seine Arbeit fort, hatte jetzt beide Hände an Leos Nacken gelegt, die Daumen in der Mitte, wo er mit zunehmendem Druck auf und ab fuhr. Leo bewegte sich erneut, ein Arm glitt von der Liege, seine Beine zuckten und er stöhnte leise.
Adam wich erschrocken einen kleinen Schritt zurück, als Leo wenige Sekunden später mit einem kurzen Schrei aufwachte und mit seinen Armen ein wenig um sich schlug. „Lass mich!“, stieß er röchelnd hervor, und „Nicht, bitte... ffffuu...“
Adam trat sofort wieder dicht an die Liege, griff nach Leos Arm und legte seine andere Hand vorsichtig an Leos Hinterkopf. „Hey, ssshhh... Leo, alles okay, wach auf, es ist alles gut“, sagte er mit eindringlicher Stimme dicht an Leos Ohr. Leo zappelte noch für einen Moment unter Adams Berührung und hob dann gegen den leichten Widerstand von Adams Hand ruckartig seinen Kopf, was ihn vor Schmerz aufschreien ließ.
„Hey, Leo, ganz ruhig, ganz langsam“, fuhr Adam fort und machte einen Schritt weiter nach vorne, um Leo in die Augen sehen zu können. Der Mann auf der Liege atmete schnell und abgehackt und Adam war sauer auf sich selbst. Er wusste, auch wenn er Leo gegenüber das Gegenteil behauptet hatte, noch viel zu wenig über den Mann und hatte ihn während einer Massage einfach so einschlafen lassen. Beschissener Anfängerfehler, fluchte Adam schweigend, konzentrierte sich dann aber wieder auf Leo.
„Komm, ich helf' dir, dich aufzusetzen“, sagte Adam behutsam und wartete Leos Nicken ab, bevor er ihm half, sich auf die Seite zu drehen und in eine sitzende Position zu kommen. Als Leos Beine von der Liege baumelten, fuhr er sich mit einer Hand in den Nacken und begann damit, knetende Bewegungen zu machen.
„Hast du geträumt?“, fragte Adam irgendwann, als Leo einfach stumm blieb und immer weiter seinen eigenen Nacken massierte. Er schüttelte nur den Kopf und starrte abwesend vor sich in den Raum. Doch Adam ließ nicht locker. „Leo, dein Nacken... was ist passiert?“
„Nichts ist passiert“, sagte Leo tonlos und starrte einfach weiter vor sich hin.
„Leo...“
„Nichts ist passiert, okay? Wir werden jetzt nicht darüber reden. Und die Massage ist hiermit beendet“, sagte Leo entschieden und ließ sich vorsichtig von der Liege gleiten.
„Leo, das ist keine gute Idee“, versuchte Adam es erneut und streckte eine Hand zögerlich nach Leo aus, der ihm jedoch mit einem warnenden Blick zu verstehen gab, dass er keine weitere Diskussion wünschte. Er nahm sich sein T-Shirt und seine Krücken und hatte fast schon die Tür erreicht, da drehte er sich noch einmal zu Adam um und sagte, fast schon versöhnlich, wie es Adam schien: „Bis morgen.“
Adam fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und antwortete seufzend: „Bis morgen. Und wenn du...“
„Danke“, schnitt Leo ihm das Wort ab, drehte sich zur Tür und verließ den Raum.
Zurück blieb ein ratloser Adam, noch immer ein wenig wütend auf sich selbst, dessen Neugier ebenso geweckt war wie sein Beschützerinstinkt. Irgendwas war mit Leo geschehen, natürlich war etwas mit Leo geschehen, sonst wäre er ja nicht hier. Aber es gab Verletzungen und Verletzungen und Adam begann, sein offensichtlich vorschnell über Leo gefälltes Urteil zu überdenken. Was auch immer mit ihm passiert war, Adams Hand an seinem Nacken hatte ihn sich mitten im Schlaf daran erinnern lassen, hatte eine Reaktion provoziert. Leo so kurz danach einfach gehen zu lassen, hatte Adam zutiefst widerstrebt und widerstrebte ihm auch jetzt noch, wo er an seinem Schreibtisch saß und Leos Akte erneut zur Hand nahm. Aber Leo hatte es so gewollt, und ausnahmsweise hatte Adam ihn entscheiden lassen, was zu tun war. Morgen würde Adam wieder das Ruder übernehmen – und Leo hoffentlich endlich damit beginnen, sich Adam und seinem eigenen Heilungsprozess zu öffnen.
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Eine Woche später rastete Leo komplett aus. Es war eine gute Woche gewesen, trotz oder womöglich wegen Leos Reaktion bei der Massage. Die Tage nach der Massage waren geprägt gewesen von einvernehmlichem Schweigen und unverfänglichen Wortwechseln, wie sie zwischen Therapeut und Patient üblich waren. Auf diese Weise hatten sie erste kleine Fortschritte erzielt, doch Adam hatte immer wieder spüren können, dass es irgendwo tief in Leo brodelte. Denn obwohl er sich Mühe gab mitzuarbeiten, spürte Adam deutlich, dass Leo gefrustet war. Dass ihm alles viel zu langsam ging und dass er gleichzeitig keine Ahnung hatte, wozu die Therapie überhaupt gut sein sollte. Doch er hatte das die ganze Woche über runter geschluckt, hatte Fragen wie „Geht das so?“, „Ist das zu viel?“ oder „Geht da noch etwas mehr?“ einsilbig beantwortet und in neun von zehn Fällen ohne größeren Widerwillen alles mitgemacht, was Adam vorgegeben hatte.
Adam hatte nicht mehr nachgebohrt, warum Leo auf Adams Berührung an seinem Nacken so reagiert hatte, wie er reagiert hatte. Es hatte weitere Massagen und Übungen gegeben, bei denen Adam Leos Hals und Nacken nicht aussparen konnte, und er hatte jedes Mal aufs Neue gespürt, wie Leo sich unwillkürlich angespannt hatte. Doch Adam hatte geschwiegen und darauf gehofft, dass Leo anfangen würde zu erzählen. Aber die Hoffnung war vergebens gewesen, und so hatten sie Termin um Termin ohne weitere Zwischenfälle hinter sich gebracht – aber eben auch ohne bahnbrechende Erfolge oder Fortschritte.
Am Mittwoch in Leos zweiter Reha-Woche war dann plötzlich alles wie an Leos erstem Tag – und noch schlimmer. Seine schlechte Laune beim Betreten des Therapieraums war auf den ersten Blick erkenn- und spürbar, und Adam machte irgendwann den Fehler, zu ungeduldig zu werden – und auch noch beleidigend. Er hatte Leo immerhin dazu gebracht, sich auf die Yogamatte zu legen und mehr oder weniger zu entspannen, während Adam mit den Dehn- und Bewegungsübungen begann.
„Komm, eine Wiederholung geht noch“, sagte Adam irgendwann und tippte auf Leos linkes Bein, damit der es ein weiteres Mal anhob und anwinkelte.
„Da geht nichts mehr“, gab Leo zurück und machte keine Anstalten, sein Bein zu bewegen.
„Stell dich nicht so an“, sagte Adam, dem klar war, dass seine Stimme zu ungeduldig klang und sein erneutes Tippen auf Leos Bein zu energisch war.
„Hörst du schlecht, ich bin fertig für heute!“, rief Leo mit erhobener Stimme. Und Adam verlor für einen Moment den letzten Rest seiner Geduld und er sagte abfällig: „Du Weichei, heulst du echt immer so rum? Wie hast du’s nur ins SEK geschafft, hast du dich da reingeschlafen, oder was?“
Einen Augenblick lang war es so still im Raum, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Leo sah Adam mit einer Mischung aus Entgeisterung und Wut an, holte schließlich tief Luft und zischte: „Fick dich, du Arschloch.“
Adam musste schlucken. Er wusste, er hatte gerade mehr als nur eine Grenze überschritten und sich angehört wie sein eigener beschissener Vater. Und fast wünschte er sich, Leo würde ihm dafür eine reinhauen. Dann hätte er sich vielleicht weniger schämen müssen und sich weniger schlecht gefühlt. Aber Leo haute ihm keine rein. Stattdessen setzte er sich mühsam aber entschlossen auf und hatte eindeutig im Sinn, ihren Termin hier und jetzt sofort zu beenden.„Leo, es tut mir leid. Ich hätte nicht… das war…“
„Spar dir das“, sagte Leo grimmig und wollte sich von Adam wegdrehen, kam aber wegen seines streikenden Beins nicht besonders weit.
„Komm schon, Leo… du musst zugeben, du bist heute…“, setzte Adam erneut an und hätte sich am liebsten direkt selbst geohrfeigt. Ganz sicher war das nicht die richtige Strategie – und das schien auch Leo so zu sehen, der sich nun wieder zu Adam drehte und ihn anschnauzte: „Was bin ich heute, was? Vielleicht todmüde, weil ich gestern Abend in der Dusche ausgerutscht bin, weil ich mich auch nach über einer Woche mit deinem Scheiß hier nicht ohne diese beschissenen Krücken nicht mal für fünf Minuten in der Dusche auf den Beinen halten kann? Und weil ich anschließend die ganze Nacht kein Auge zugemacht habe, weil mir alles wehgetan hat?“
„Leo, beruhig dich mal, es tut mir…“
„Spar dir den Scheiß, es tut dir leid! Was tut dir denn leid, was? Dass das hier alles nichts bringt? Dass du von Sachen redest, von denen du nicht den blassesten Schimmer hast?“ Leo unterbrach sich selbst und musste tief Luft holen. Adam war etwas näher an ihn heran gerückt, weil er befürchtete, der Mann vor ihm würde gleich ohnmächtig werden, wenn er sich nicht ganz schnell wieder beruhigte. Er streckte eine Hand nach Leos aus, berührte ihn aber nicht, sondern sagte mit eindringlicher Stimme: „Leo. Es tut mir leid. Wirklich. Ich hätte das nicht sagen sollen…“
„Hättest du nicht, allerdings.“
„Ich weiß. Aber… du musst dich jetzt echt beruhigen und… wir müssen hier weitermachen. Es wird was bringen, ich versprech’s dir.“
„Hast du nicht gehört? Mir tut alles weh, ich mache heute gar nichts mehr.“ Leo lehnte sich auf der Matte etwas zurück und stützte sich so gut es ging auf seinen Unterarmen ab. Er hörte sich jetzt fix und fertig an, aber Adam wusste, Aufgeben war keine Option. Während er kurz überlegte und nach den richtigen Worten suchte, fiel sein Blick auf den nackten Streifen gebräunte Haut zwischen dem Bund von Leos Trainingsshorts und seinem etwas nach oben gerutschten T-Shirt. Einen Moment lang zuckten Adams Finger regelrecht mit dem Verlangen, über die feste Haut mit den dunklen Härchen, die einen Pfad unter dem Hosenbund heraus bis zu Leos Bauchnabel zeichneten, zu streicheln.
Adam holte tief Luft und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, bevor er vorsichtig vorschlug: „Okay, hör zu, dann machen wir was anderes…“
„Adam, verflucht nochmal, ich will heute gar nichts mehr mit dir machen.“
„Leo, komm schon… vertrau mir.“
„Warum sollte ich?“
„Tu’s einfach. Bitte“, sagte Adam fast schon ein wenig verzweifelt und seine Hand griff wie ferngesteuert nach Leos Unterarm. Und Adam spürte, wie Leo sich unter seiner Berührung nach einem Moment entspannte. Und dann sagte er: „Okay. Okay. Also was?“
„Naja, es wird… nass“, sagte Adam und zwinkerte Leo erleichtert zu.
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Zwanzig Minuten später stand Adam mit Leo im hauseigenen Schwimmbad am Beckenrand. Zu seiner Erleichterung hatte ein schneller Blick auf den Belegungsplan ergeben, dass außer ihnen aktuell nur ein weiterer Kollege mit einer Patientin den Pool nutzte. Adam hatte ihnen kurz zugenickt und war langsam mit Leo ans andere Ende des Beckens gegangen.
„Das ist deine grandiose Idee?“, fragte Leo skeptisch und Adam entging nicht der Blick, den er bemüht unauffällig, aber nicht unauffällig genug über Adams nur mit einer Badehose bekleideten Körper huschen ließ.
„Wart’s ab“, erwiderte Adam und ging langsam über die kleine Treppe in das Becken hinein, mit Leo an seiner Seite, der sich bei Adam eingehakt hatte und auf dessen Brust Adam stützend eine Hand gelegt hatte. Im etwas mehr als hüfttiefen Wasser standen sie sich schließlich gegenüber.
„Und was wird das jetzt?“, fragte Leo.
„Das wird jetzt ganz sanftes Training. Weil du im Wasser fast nichts wiegst und ich… ich mache jetzt die meiste Arbeit. Du kannst dich einfach treiben lassen, im wahrsten Sinne des Wortes“, erklärte Adam und schnappte sich eine Schwimmhilfe, die er durchs Wasser zu Leo hinüber schob. „Unter deinen Rücken und deinen Kopf“, fuhr er fort und kam näher an Leo heran, um ihm zu helfen.
Kurz darauf lag Leo vor Adam auf dem Rücken im Wasser. Bevor er sich die Schwimmhilfe unter seinen Körper geschoben hatte, war er einmal komplett untergetaucht. Sein Oberkörper, der nur teilweise unter Wasser war, glitzerte feucht, und einige seiner dunklen, nassen Haarsträhnen fielen ihm in die Stirn. Adams Finger zuckten schon wieder, da strich Leo sich die Strähnen selbst nach hinten aus der Stirn. Adam holte tief Luft.
„Okay, ich werd‘ dich ein bisschen halten“, sagte er gerade laut genug, dass Leo ihn verstehen konnte. Adam legte eine Hand an Leos Schulter und begann mit der anderen, Leos Beine unter Wasser zu bewegen, erst das eine und nach einem Seitenwechsel auch das andere. Aus den Augenwinkeln registrierte er irgendwann, dass sein Kollege mit dessen Patientin das Becken verließ und Adam und Leo nun allein im Wasser waren.
„Mehr Platz, sehr gut“, sagte Adam und zog Leo sanft etwas weiter in das Becken hinein, wo das Wasser noch ein wenig tiefer war. „Stell dich jetzt hin“, fuhr er fort und begann, Leo verschiedene Übungen vorzumachen, die sie anschließend gemeinsam mehrmals wiederholten.
„Kannst du dich ohne Schwimmhilfe auf dem Rücken treiben lassen und deine Arme bewegen?“, fragte Adam und machte Leo vor, was er zu tun hatte.
„Ich glaub schon“, erwiderte Leo und ließ sich nach hinten sinken. Für einen Moment gelang es ihm, sich über Wasser zu halten, dann jedoch: „Fuck, ich…“
„Schon gut, ich hab dich“, sagte Adam und schob sofort seine Arme unter Leos Körper. Adam stand bis an seine Brust im Wasser, mit Leo auf – oder in? – seinen Armen, und er konnte sich nicht erinnern, wann er sich zuletzt so wohl gefühlt hatte. Er wandte seinen Kopf zu Leo und blickte direkt in Leos grünlich-blaue Augen. Er sah, wie Leo seinen Blick abwandte, nur um Adam kurz darauf erneut in die Augen zu sehen. Scheiße, Leo, deine Augen...
Langsam ließ Adam seine Hand, mit der er Leo gerade noch unterhalb der Schultern gehalten hatte, unter Wasser weiter nach oben gleiten, so weit, bis sie an Leos Nacken lag. Die Berührung war sanft, für Leo womöglich kaum zu spüren, immerhin lag er im Wasser und wurde vor allem durch Adams anderen Arm, den Adam irgendwo unter Leos Rücken geschoben hatte, gehalten. Doch es entging Adam keineswegs, wie Leo sich, kaum hatte Adam seine Hand in Leos Nacken gelegt, anspannte, wenn auch nur ein wenig.
Mit seinem Daumen strich Adam unter Wasser über Leos Nacken und wiederholte leise die Frage, die er vor über einer Woche schon gestellt und auf die Leo seither nicht geantwortet hatte: „Was ist da passiert, Leo?“
Leo schloss für einen langen Moment die Augen. Adam dachte schon, er würde nicht reagieren und die Frage erneut unbeantwortet lassen, da hörte er ihn mit immer noch geschlossenen Augen leise sagen: „Ich hab einen Fehler gemacht. Ich bin selbst Schuld. Ich hab den Typ nicht kommen hören und plötzlich war der hinter mir und hat…“
Leo öffnete seine Augen und sah Adam an. Der rieb unter Wasser nach wie vor mit dem Daumen über Leos Nacken und nun auch mit seiner anderen Hand Leos Rücken entlang und fragte: „Was hat er?“
Leo atmete stotternd aus. „Mich gepackt. Im Nacken. Mich gegen eine Wand geschleudert, nicht nur einmal… immer mit seiner Hand in meinem Nacken… bis irgendwann so richtig die Hölle losbrach und ich nichts mehr gemerkt hab…“
„Leo, das hätte jedem…“
„Nein, hätte es nicht“, schnitt Leo Adam das Wort ab, blieb aber ganz ruhig dabei.
„Ihr seid nicht unverwundbar“, sagte Adam und konnte seine Augen nicht mehr von Leos Gesicht losreißen. Auch wenn es hier im Wasser schwer zu sagen war, so war Adam sich doch ziemlich sicher, dass Leos Augen feucht glänzten, und das nicht vom Schwimmbadwasser, sondern von aufsteigenden Tränen.
„Aber du denkst doch, ich bin selbst dran Schuld und hab’s verdient“, erwiderte Leo, der sich jetzt tatsächlich mit dem Handrücken unter der Nase entlang fuhr. Adam musste schlucken, wegen Leos Worten und auch wegen der Tatsache, dass er endlich damit anzufangen schien, sich mit dem, was passiert war, auseinander zu setzen. Er sah Leo weiter an und antwortete: „Ich weiß, ich war nicht fair. Und ein Arsch. Du aber auch und… ich will echt, dass es dir besser geht.“
Er veränderte den Druck seiner Hände an Leos Körper und zog und schob ihn langsam in eine aufrechte Position, bis die beiden Männer sich erneut im Wasser gegenüberstanden. Unter Wasser lag eine von Adams Händen an Leos Hüfte.
„Ich kann schon allein im Wasser stehen“, murmelte Leo in für Adam gerade noch verständlicher Lautstärke, legte aber noch während er sprach gleichfalls eine Hand an Adams Hüfte.
„Hm. Aber auch im Wasser solltest du nicht zu lange stehen“, gab Adam zurück und schob sich noch etwas näher an Leo heran.
„So? Ich weiß nicht, ob mein Physiotherapeut dir da zustimmen würde“, sagte Leo. Adam spürte, wie Leo unter Wasser mit seinem Daumen über Adams Hüftknochen streichelte.
„Würde er. Und er würde etwas vorschlagen, was noch erheblich mehr zu deiner Genesung beiträgt als die übliche… Wassergymnastik“, wagte Adam sich jetzt sehr viel weiter vor, als er es noch eine Stunde zuvor für möglich gehalten hätte.
„Aha? Und… zeigst du’s mir?“
Adam blickte forschend in Leos Augen. Noch immer schimmerten sie feucht und Adam fragte sich für ein oder zwei Sekunden, ob er nicht das Gespräch über den Einsatz, bei dem Leo seine Verletzungen erlitten hatte und das gerade in Gang gekommen war, hätte fortsetzen sollen. Aber er war sich plötzlich absolut sicher, sie würden es schon sehr bald wieder aufnehmen. Also sagte er leise: „Deine Beine um meine Hüfte.“
Leo sah Adam zögernd an. „Komm schon“, flüsterte Adam und legte jetzt auch seine andere Hand an Leos Hüfte. Beinahe mühelos hob er den Mann, der noch bis vor wenigen Wochen in voller Kampfmontur von einem gefährlichen Einsatz zum nächsten gerast war, ein Stückchen an, bis der tatsächlich seine Beine um Adams Hüfte schlang und sich an ihn presste, eine Hand in Adams Nacken, die andere auf Adams Rücken. Adams Hände wiederum lagen unter Wasser ganz locker an Leos Arsch und er spürte, wie Leo seinen Kopf zwischen Adams Hals und Schulter vergrub.
Alles fühlte sich plötzlich ganz leicht an, im wahrsten wie auch im übertragenen Sinne des Wortes. Leo so zu halten, so nah bei sich zu haben, und dabei regelrecht im Wasser zu schweben – hätte er das womöglich schon viel früher haben können, wenn er nicht so ein dämlicher Idiot gewesen wäre? Aber… hätte es sich dann genauso gut angefühlt wie jetzt, in diesem Moment?
Er fühlte, wie Leo immer und immer wieder einige von Adams feuchten Haarsträhnen um einen Finger wickelte. Adam musste lächeln, so vertraut fühlte es sich an. Irgendwann drehte er sich ein wenig im Wasser hin und her, bis Leo sich ein Stückchen von Adam löste und ihm erneut in die Augen sah.
„Tut irgendwas weh?“, fragte Adam. Leo seufzte und erwiderte: „Keine Ahnung. Ich glaub nicht. Ich bin gerade… ganz woanders.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, hatte Leo auch schon seine Hände an Adams Schläfen gelegt und sich, noch immer auf seiner Hüfte sitzend, so weit zu Adam heruntergebeugt, dass er seine Lippen sanft auf Adams Lippen pressen konnte. Er rollte seine Hüfte ein wenig gegen Adams Hüfte und keuchte ein erschrockenes „Hnnnfff…“ in Adams Mund.
Adam löste sich von Leo und sagte lächelnd: „Das geht dann wohl noch nicht so gut?“
Leo hatte seine Lippen inzwischen an Adams Stirn gelegt und erwiderte: „Das liegt nur an diesem Arsch von Physiotherapeut, mit dem ich mich hier rumschlagen muss.“
„Hm. Der hat vermutlich einfach alle Hände voll zu tun mit diesem SEK-Typen“, gab Adam grinsend zurück und packte wie zum Beweis Leos Arsch fest, aber nicht zu fest an. Leo schlang seine Beine sofort noch ein wenig fester um Adams Hüfte und sagte: „Klingt, als wären sie wie füreinander gemacht.“
„Klingt fast so, oder?“, erwiderte Adam. Sein Grinsen wurde noch etwas breiter, als er eine Hand von Leos Hintern an seine Wirbelsäule gleiten ließ, sich mit Leo auf seiner Hüfte nach vorne beugte und sie unter Wasser tauchte. Und als sie gemeinsam lachend wieder auftauchten, klammerten sie sich so sehr aneinander fest, als wollten sie den anderen nie wieder loslassen.
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