Work Text:
Adam geht allein nach Hause. Immer und immer wieder, Abend für Abend, jeden Abend aufs Neue und jeden Abend aufs Neue könnte er schreien dabei.
Es ist nicht so, als sei er nicht an den meisten Abenden allein nach Hause gegangen. Nur manchmal, sehr selten, ist Leo mit ihm mitgekommen. Schon etwas häufiger ist Adam mit zu Leo nach Hause gekommen, aus dem schlichten und einfachen Grund, weil Leos Wohnung sehr viel schöner ist als Adams. Schöner war. Denn Leos Wohnung ist nicht mehr, ebenso wenig wie Leo selbst.
Adam geht allein nach Hause in seine nicht besonders schöne Wohnung, die nur eine Übergangslösung sein sollte und bis zum heutigen Tag genau das geblieben ist. Nicht etwa, weil Adam vielleicht doch wieder abhauen wollte, sondern weil so viele andere Dinge wichtiger erschienen und wichtiger waren. Leo wieder richtig kennenzulernen. Möglichst viel Zeit mit Leo zu verbringen. Mit Leo zu sprechen. Und all diese Dinge sind passiert, und doch war es nicht genug. Nicht genug Wiederkennenlernen. Nicht genug Reden. Nicht genug Zeit.
Nicht genug Zeit mit Leo.
Leo ist an einem Dienstagabend gestorben. Auf einem Rollfeld. In Adams Armen. Adam hat ihn angeschrien, angefleht, bei ihm zu bleiben, wach zu bleiben, hat ihn noch ein Stückchen getragen, wenige Schritte nur, dem Rettungswagen entgegen, doch Leo war zu schwer in Adams Armen. Oder Adam zu schwach. Immer zu schwach. Leo war genau richtig und Adam war zu schwach. Leo hätte die Schutzweste tragen müssen, nicht Adam. Leo sollte noch am Leben sein, nicht Adam. Zu schwach, viel zu schwach, schwach und ein Feigling, schon immer.
„Du Schwächling, dein Alter hatte so Recht. Schwächling, Schwächling, Schwächling“, beschimpft Adam sich mit gebrochener Stimme selbst, während er seine Wohnungstür aufschließt und sich kurz darauf kraftlos von innen dagegen fallen lässt.
So bleibt er stehen im dunklen Flur seiner Wohnung, vielleicht für zwei Minuten, vielleicht auch für zwei Stunden, zwei Tage. So wie an den meisten Abenden in den vergangenen Tagen und Wochen.
Er schließt die Augen, da an seiner Tür in seinem Flur, und hört ihn sagen: „Ich glaub, ich brauch nen Arzt.“ Leise und ein bisschen ungläubig, ja, geradezu verwundert.
Nie wird Adam diese Worte vergessen. Sie haben sich eingebrannt in sein Gedächtnis, sein Hirn, sein Herz. Er hört sie wieder und wieder und wieder, morgens in seinem Badezimmer, vormittags im Büro, nachmittags im Auto, abends in seiner Wohnung, nachts in seinem Bett, in dem der Schlaf nicht kommen will, für Stunden. Wenn er dann kommt, kommen die Albträume mit ihm. Diese Träume, in denen Leo wieder am Leben ist, so lange, bis er auch hier sagt „Ich glaub, ich brauch nen Arzt“ und es nicht mehr ist. Und Adam mit rasendem Herzen hochschreckt, schweißgebadet und mit feuchten Augen.
Können Menschen im Schlaf weinen?
Leo hätte das gewusst. Leo hat so viele Dinge gewusst.
„Ich kann das nicht ohne dich… ich vermiss dich so…“, murmelt Adam. Er rutscht mit dem Rücken an der Tür entlang auf den Boden, murmelt weiter: „Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße.“ Und hasst sich dafür, hasst sich für diese Worte, dieses eine Wort, das so ziemlich das letzte Wort war, unzählige Male wiederholt, das Leo von ihm gehört hat. Irgendeinen Scheißdreck hat Adam vor sich hin geredet, da auf dem Rollfeld, mit Leo in seinen Armen, weil er zu viel gefühlt und zu wenig gedacht hat. Irgendeinen Blödsinn hat er Leo gefragt, um ihn wachzuhalten, sowas wie: „Wo hast du deine dämliche Schutzweste gelassen?“
Gerade so, als sei Leo selbst schuld gewesen an seinem eigenen Schicksal. Als sei er schuld gewesen an der Kugel, die ihn tödlich verletzt hat.
Dabei war Leo schuld an nichts, an rein gar nichts.
„Du warst das. Das ist alles deine Schuld. Alles, alles deine Schuld. Du hättest einfach wegbleiben sollen“, redet Adam mit sich selbst. Er zieht seine Knie an seine Brust, umklammert seine Beine mit seinen Armen, vergräbt sein Gesicht irgendwo zwischen Knien und Oberkörper, bis er fast keine Luft mehr bekommt. Er wiegt sich selbst ein wenig vor und zurück, immer und immer wieder. Spürt irgendwann, wie der Stoff seiner Jeans immer feuchter wird. Spürt den harten Fußboden unter seinem Arsch, die kalte Tür in seinem Rücken. Spürt, wie sich all das noch immer viel zu gut, viel zu angenehm anfühlt. Ein harter Fußboden und eine kalte Tür im Rücken sind viel zu gut für den, der Schuld ist am Tod von Leo Hölzer.
„Hätten wir uns doch bloß nie kennengelernt“, sagt Adam so leise, dass er die Worte selbst kaum hören kann.
Und wenn er für immer allein nach Hause geht, wird das noch längst nicht Strafe genug sein für ihn.
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