Work Text:
Versuch‘ nicht mich aufzuhalten
"Man kann nicht immer erkennen, ob jemand eine Behinderung hat, indem man ihn ansieht, ihr arroganten Blagen." Mit bedrohlicher Schärfe schnitt die Stimme des Mannes durch die Spötteleien, wie ein flammendes Schwert durch Butter.
Die Gruppe von Schülern, die versuchte, eine von ihnen zu überreden, doch die Treppe zu nehmen, weil sie doch offensichtlich nur etwas abzunehmen bräuchte, sah in den Aufzug, der lautlos angekommen war.
Sie erbleichten, als sie Dr. Crowley erkannten, der sie aus dem Fahrstuhl heraus direkt anstarrte. So schnell es ging flohen sie und ließen das Mädchen zurück, dass sie traktiert hatten.
Diese zögerte, versuchte den Schmerz zu ignorieren, der sich wie ein Schraubstock immer fester in ihren unteren Rücken drückte.
Er nickte ihr nur kurz, auffordernd zu, dass sie doch in den Aufzug steigen sollte, den sie gerufen hatte.
„Steigen Sie ein.“ Sein Tonfall ließ nur noch Verärgerung und Ungeduld hören.
Wenn sie diesen Aufzug nicht nahm, sagte sie sich, würde sie zu spät zum Unterricht kommen und der Gedanke, den Fahrstuhl mit einem eindeutig schlecht gelaunten, boshaften Dr. Crowley zu teilen, machte sie zittrig. Letztlich aber überstieg der stetig stärker werdende Schmerz die Angst und so stieg sie trotzdem ein.
Er lehnte sich gegen die Haltestange, die Arme weit ausgebreitet, um sich daran festzuhalten. Sie selbst kauerte sich in eine Ecke, so weit weg von ihm, wie sie nur konnte.
Der Aufzug setzte sich erneut in Bewegung und holte sie rüttelnd in die Gegenwart zurück. Seine Hände krallten sich an der Stange fest.
Nach einem Moment öffnete sie den Mund, um ihm zu danken.
Ein scharfer Blick durch die schwarze Brille traf sie, Dr. Crowley aber blieb, wo er war.
"Danken Sie mir nicht", knurrte er. "Ohne guten Grund benutzt niemand diese Klapperkiste mehr als einmal."
Sofort schloss sie ihren Mund und beide fuhren den Rest des Weges schweigend weiter, wobei sie im Geist die Sekunden zählte, bis sie im Literaturklassenzimmer ankommen würde und sich setzen konnte.
***
Crowley ließ das Mädchen aussteigen, richtete sich dann vorsichtig auf und schritt gemessen, wenn auch etwas unsicherer als sonst auf sein Klassenzimmer zu.
Bis er sich hinsetzten konnte, musste sein Knie noch durchhalten – auch wenn es sich anfühlte als sei es durch Aziraphales Flammenschwert ersetzt worden.
Um sich von den Schmerzen abzulenken, kramte er sein Handy hervor und schickte Aziraphale eine kurze Nachricht.
"Habe eines deiner Kinder vor der Treppenbrigade gerettet. Behalte sie im Auge, sie sieht verdammt wackelig aus."
Die Antwort, in der er die Zärtlichkeit beinahe hören konnte, erhielt er per voice-to-text.
"Du bist zu gut, mein Lieber."
Crowley schnaubte und ließ sein Telefon wieder in seiner Jacke verschwinden, bevor er die Tür seines Klassenzimmers erreichte. Es war an der Zeit, seine Studenten zu erschrecken. Auf dass ihr Verstand und Wissen weiter wachsen würden.
***
Dass Dr. Crowley wieder einmal boshaft gewesen war, reichte nicht einmal aus, um die Gerüchteküche nur ein wenig befeuern. Diese brodelte dagegen über mit den verschiedenen Möglichkeiten, den lieben Dr. Fell vor besagtem Dr. Crowley zu schützen.
Die letzte Literaturstunde des Tages endete mit einem unbeholfenen Tanz zwischen Professor und Studenten.
Die Studenten warteten darauf, dass Aziraphale ging, damit sie ihn sicher zum Auto bringen konnten.
Er hingegen wartete darauf, dass sie gingen, damit er sicher zum Auto gelangen konnte.
"Mein lieber Anthony nimmt mich mit nach Hause.", versicherte er ihnen, Crowleys Vorschlag aufgreifend. "Bei ihm bin ich absolut sicher. Er fährt zwar ein wenig zu schnell, für meinen Geschmack, aber er meint es gut."
Die Studenten gingen schließlich. Widerwillig, aber sie gingen.
Kurz darauf brausten beide Professoren in Crowleys Bentley nach Hause, während dieser sich über den Beschützerinstinkt der Studenten amüsierte.
Aziraphale schürzte die Lippen.
"Ich verstehe nicht, warum sie dir nicht auch helfen. Du hast es viel dringender nötig als ich."
"Ganz einfach. Erstens: Schmerz ist unsichtbar. Sie sehen ihn nicht, genauso wie du ihn seit, wer weiß wie vielen, Jahren nicht mehr gesehen hast. Zweitens, in ihren Augen bist du ein Engel, und ich ein Dämon. Und sie mögen mich nicht einmal."
Crowley warf einen kurzen Blick zur Seite, auf Aziraphales sanftes Lächeln. Er erwiderte es mit sichtbarer Wärme, in seinem eigenen schiefen Lächeln.
“Ich habe mir diese Abneigung hart erarbeitet, Engel. Versuch‘ nicht mich aufzuhalten, jetzt wo ich sie habe."
