Chapter Text
Januar.
Prolog. Ich glaub’ ich hab dich lieb
Ich glaub, ich hab dich lieb
In der Nacht krieg ich kein Auge mehr zu
Ich glaub, ich hab dich lieb
Denn in meinem Kopf bist immer nur du
Ja, du machst mir Mut
Dein Blick tut mir so gut
(Rolf Zuckowski – Ich glaub‘ ich hab dich lieb)
Der Nachthimmel über Saarbrücken erstrahlt immer noch in einem Lichtermeer, als die altmodische Standuhr in Pias Wohnzimmer Eins schlug. Zischend und pfeifend ziehen die letzten Raketen in den Himmel, vertreiben mit ihrem Knall und Getöse die Dämonen des alten Jahres und machen Platz für das Gute. So zumindest der Brauch. Das ferne Heulen der Sirenen klingt eher weniger nach etwas Gutem.
Adam ist froh, dass sie dieses Silvester keine Bereitschaft hatten und einem entspannten Abend nichts im Weg gestanden hat. Zwar hat Pia darauf bestanden, dass sie das alte Jahr gemeinsam als Team verabschieden, doch mittlerweile ist sie eine Freundin geworden und Silvester hat Adam nach Möglichkeit schon immer mit Freunden verbracht.
Sei es an fernen Stränden mit Freunden für die Dauer des Abends oder bis vor einigen Jahren in Berlin, wo er zum ersten Mal so etwas wie einen Freundeskreis gehabt hat, die ihn so nehmen wie er war und ihn nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Art mochten. Er sollte sich definitiv wieder mehr bei ihnen melden.
Silvesternächte waren seit jeher melancholisch und Adams Herz mit jedem Jahr schwerer geworden, an dessen Ende die Person fehlte, die er so sehr vermisste und die seinen einzigen Neujahrsvorsatz dominierte.
Diese Person schmiegt sich nun an seinen Rücken, der weiche Pullover streichelt sanft Adams nackte Unterarme, als sich die Hände vor seinem Bauch verschränken. Warmer Atem kitzelt seinen Nacken und ein angenehmes Prickeln bildet sich an der Stelle, an der kurz Lippen seine Haut berühren. Ihren Kuss um Mitternacht haben sie gehabt und das Feuerwerk in Adams Herzen ist um ein tausendfaches besser gewesen als das am Saarbrücker Nachthimmel.
Nur zu gern gibt er den leichten Zug um seine Körpermitte nach und lässt sich bereitwillig tiefer in Leos Umarmung fallen, der mit einem zufriedenen Seufzen seinen Kopf gegen Adams lehnt.
“Ich liebe dich, Adam”, flüstert Leo und drückt einen Kuss auf Adams Schulter.
Die Schmetterlinge, die auch nach Monaten noch genauso aufgeregt in seinem Magen flogen, setzen zu einem Freudentanz an und Adams Wangen schmerzen bereits ein wenig vom breiten Grinsen, das sein Gesicht überzieht. Dass Leo ihn liebt, ist die schönste Entwicklung des letzten Jahres und an manchen Tagen kann Adam nicht kaum glauben, dass es das Leben endlich einmal gut mit ihm meint und er glücklich sein darf.
“Ich liebe dich auch, Leo”, antwortet er leise, dreht seinen Kopf, um einen Kuss auf Leos Wange zu hauchen. Das Strahlen auf Leos Gesicht übertrifft die Lichter am Himmel.
“Wollen wir nach Hause?”, fragte Leo und dreht Adam in seinem Arm zu sich, so dass seine Hände auf Adams unteren Rücken rutschen und dort auf dem dünnen Stoff des Sweatshirts kleine Kreise ziehen.
“Fordert der Anstand nicht, dass man wenigstens, bis ein Uhr auf einer Silvesterparty bleibt?” Nicht, dass Adam sich groß um Anstand und Gepflogenheit schert, aber Leo ist so etwas wichtig und da Leo Adam wichtig ist, muss er seine Standards dahingegen anpassen.
Leo rollt mit den Augen und ruckt mit dem Kopf hinter sich in die Wohnung. “Pia und Esther sind auch froh, wenn sie uns früher los sind.”
Adams Grinsen wird, wenn es überhaupt geht, noch breiter. “Du meinst, wir stören sie beim Knallen?” Er wackelt mit den Augenbrauen und Leo lässt sich prustend gegen Adam fallen.
“Was die beiden machen, ist mir egal, aber ich will mit dir das Jahr begrüßen. Nur wir beide.” Leos Stimme ist fast nur noch ein Schnurren und Adam schickt einen freudigen Schauer über Adams Körper.
Entschlossen greift er nach Leos Hand und zieht ihn vom Balkon durch das warme Wohnzimmer, wo Pia und Esther sich kaum voneinander lösen und ihnen nur flüchtig zu winken, in den Flur. Hastig schlüpfen sie in ihre Jacken und kichern so ausgelassen, wie sie es selbst als Jugendliche nicht getan hatten, als sie Hand in Hand durch das Treppenhaus hinaus in die Nacht des neuen Jahres stolpern.
Das warme Funkeln in Leos Augen, mit dem er ihn ansieht und das kleine, ein wenig ungläubige Lächeln auf seinen Lippen, lassen Adam einen Moment lang verharren. Fragend dreht Leo sich zu ihm um und Adam kann die unausgesprochene Frage auf seinem Gesicht lesen.
Er zieht Leo zu sich und küsst ihn sanft. “Ich bin so verdammt glücklich wie noch nie zu Silvester.”
Leo strahlt ihn an und reckt sich für einen weiteren Kuss. “Und ich erst. Ich verspreche dir, dass dieses Jahr besonders wird.”
“Ja?”, fragt Adam neckend, denn dass das Jahr besonders wird, das weiß er. Mit Leo an seiner Seite kann es gar nicht nicht besonders werden.
“Ja, und damit ich dir einen Vorgeschmack geben kann, müssen wir jetzt dringend nach Hause.” Bei dem verheißungsvollen Zwinkern, das Leo ihm zuwirft, kann Adam gar nicht schnell genug ins Auto und durch die leeren Straßen nach Hause kommen.
Sie wachen spät auf an diesem Neujahrstag und Adam brummt unzufrieden, als Leo sich unter der warmen Decke hervorschiebt und er somit sein persönliches Heizkissen verliert. Mit kleinen Augen blinzelt er Leo an, der sich den achtlos auf den Boden geworfenen Pullover überzieht und aus dem Schlafzimmer tapst.
Das Rattern der Kaffeemaschine lässt Adam zufrieden ins Kissen seufzen und er drückt seine Nase in den Bezug, der nach Leo riecht und schließt für einen Augenblick noch mal die Augen. Sie haben auch heute noch frei und Adam sieht nicht ein, dass er das Bett auch nur für eine Sekunde verlässt, außer für Abstecher ins Bad. Er hat alles, was er braucht, sobald Leo wieder zu ihm unter die Decke kriecht und vermutlich zwei verführerisch dampfende Kaffeetassen mitbringt.
Tatsächlich steht kurz darauf Leo wieder im Schlafzimmer, balanciert die beiden Tassen auf einem kleinen Tablett und hat eine kleine Kiste unter den Arm geklemmt. Adam nimmt ihm eine Tasse ab und nimmt einen vorsichtigen Schluck, während Leo unter die Decke schlüpft und seine eigene Tasse auf dem kleinen Nachtschrank neben sich abstellt. Die bunte Kiste schiebt er Adam zu, der überrascht aufschaut.
“Was ist das?”, fragt Adam neugierig und sieht zu Leo, der nervös seine Unterlippe zwischen die Zähne gezogen hat.
“Mach auf”, sagt er mit rauer Stimme und Adam löst vorsichtig den Deckel.
In der Kiste liegen mehrere Umschläge und obendrauf eine Karte. Adams Kehle wird für einen Moment eng, als er den Schriftzug auf dem grünen Untergrund liest.
Es ist nie zu spät für eine schöne Kindheit.
Seine Finger zittern, als er über die Karte streicht, und hinter seinen Augen brennt es gefährlich.
“Ich habe mir über das Jahr verteilt kleine Dinge überlegt, die du vermutlich als Kind nie machen durftest.” Leos Stimme ist sanft, bebt aber leicht und Adam tastet blind nach Leos Hand, während er die Karte beiseite legt und sich die Umschläge genauer ansieht. Zwölf, für jeden Monat einen.
Gerade will er nach dem für Januar greifen, da schiebt sich Leos freie Hand über seine. “Nein, noch nicht. Es ist noch nicht die Zeit für den Umschlag.”
“Aber es ist doch schon Januar?” Adam hört selbst, wie ungeduldig er klingt. Leo lacht leise und drückt seine Hand.
“Vertrau mir –”
“Immer!”, kommt es reflexartig über Adams Lippen. Er vertraut Leo schon immer, auch wenn er es sich andersherum hart hat erarbeiten müssen.
Leos Lächeln wird breiter und er lehnt sich zu Adam hinüber, küsst ihn zärtlich und hebt eine Hand an Adams Wange. “Ich dir auch, nur damit du das weißt, ja?”
Adam schluckt schwer um den Kloß in seiner Kehle und nickt.
Lächelnd küsst Leo ihn noch mal und stellt die Kiste zu seiner Kaffeetasse auf den Nachtschrank. “Und bis es so weit ist, habe ich andere Pläne mit dir für diesen Tag.”
Nur allzu breitwillig lässt Adam sich zurück in die Kissen drücken und nimmt Leos schweren Körper auf seinen in Empfang.
Besser als mit dem Feuerwerk, das Leos Küsse in ihm entfachten, konnte das neue Jahr nicht beginnen.
