Actions

Work Header

Randnotizen

Summary:

Neben ihm raschelte plötzlich die Bettdecke.
„Bob?“ Peters Stimme war schlaftrunken und klang, als würde er direkt in sein Kissen nuscheln. Ein erneutes Rascheln, dieses Mal lauter. „Ist alles in Ordnung?“
Ein undefinierbares Geräusch war alles, was Bob zwischen fest zusammen gepressten Zähnen hervorbrachte. Die eigentliche Bedeutung von Peters Frage sickerte nur mit einer eigenartig zähen Verzögerung zu ihm durch. War alles in Ordnung? Sein Kopf tat höllisch weh, ihm war schlecht von den Schuldgefühlen, die seine Kehle zuschnürten, also nein, eigentlich nicht...
Er musste wohl zu lange gezögert haben, denn er fühlte die Bewegung der Matratze unter sich, als Peter sich neben ihm aufsetzte.
„Hast du Schmerzen?“ flüsterte Peter. Seine Stimme klang mit jedem Wort wacher und nun eindeutig alarmiert. „Mist, die Tabletten, die uns die Ärztin mitgegeben hat, liegen noch unten, ich kann sie holen… Bob? Oh Gott, ist dein Gedächtnis noch da? Weißt du, wer du bist? Weißt du, wer ich bin?“

Oder:
Zwanzig Fälle und die Momente, die es vielleicht nicht in die offiziellen Fallakten in Bobs Archiv geschafft haben, die aber die Beziehung zwischen dem zweiten und dem dritten Detektiv grundlegend veränderten.

Notes:

Eigentlich hatte ich nur so ein, zwei missing scenes geschrieben, zu Der dunkle Wächter und Das versunkene Schiff, aber dann hat Niniel irgendwann den namenlosen Gegner erwähnt und ich hab die Folge achtmal am Stück gehört, and it all kinda spiraled from there...
Zwanzig Fälle, zwanzig (oder mehr) Momente zwischen dem zweiten und dritten Detektiv, die ihre Beziehung ordentlich umkrempeln. An sich chronologisch, ich schieb nur die Specials (Das versunkene Schiff, Das Grab der Maya, Die Salztote) da ein, wo sie am besten passen. Spoilerwarnung für die jeweiligen Folgen und/oder Bücher (beim ersten Kapitel für beides).
Updates kommen unregelmäßig, weil ich eigentlich grad an der Halloweengeschichte sitze, aber ich brauch irgendwie kurze Schreibprojekte für die Mittagspause, und da passen die Kapitel hier sehr gut.
Ganz viel Spaß beim Lesen <3

Chapter 1: Der namenlose Gegner

Chapter Text

Das Erste, was Bob wahrnahm, als er langsam aus der wohligen Umarmung des Schlafs in den Dämmerzustand des Erwachens glitt, war ein unbestimmtes Gefühl von Schmerz.

Je wacher er wurde, desto deutlicher wurde das Gefühl, bis Bob seinen Ursprung lokalisieren konnte. Sein rechter Oberarm fühlte sich an, als hätte ihn erst vor kurzer Zeit jemand heftig in eine Richtung gedreht, in die kein Arm gedreht werden sollte. Hinter seiner Stirn wummerte ein Dröhnen, das durch seinen gesamten Kopf hallte und stetig lauter wurde – vermutlich der Grund, wieso er überhaupt aufgewacht war. Bob verzog das Gesicht und sog dann scharf die Luft ein, als ein stechender Schmerz durch seine aufgeplatzte Unterlippe zuckte.

Still blieb er liegen, darauf bedacht, keine weitere unbedachte Bewegung zu machen. Erst nach einer Sekunde fiel ihm auf, dass er keine Ahnung hatte, wo er sich eigentlich befand. 

Instinktiv wusste er, dass er nicht in seinem eigenen Bett lag. Die weiche Decke, die sorgfältig über seinen Körper ausgebreitet worden war, war ein wenig schwerer als seine eigene, und das Kopfkissen unter seine Wange roch anders als seines. Trotzdem war Bob der Geruch fast schmerzlich vertraut, aber das Pochen hinter seiner Schläfe verhinderte, dass er ihn sofort zuordnen konnte.

Er atmete tief ein. Die Dunkelheit um ihn herum fühlte sich sicher, fast geborgen an, und Bob wusste mit einer Gewissheit, die ihn selber überraschte, dass ihm hier, in diesem Moment, nichts passieren konnte.

Langsam und vorsichtig zog er seine Hand unter der Decke hervor, rieb über seinen Nasenrücken und schloss die Augen. Er konzentrierte sich nur auf die Bewegungen seiner Finger, die in gleichmäßigem Takt auf und ab fuhren und immer mal wieder die Haut über seiner Nasenwurzel zusammendrückten. Den Trick hatte er schon häufiger angewandt, wenn er mal wieder über einem besonders spannenden Buch die Zeit vergessen und die halbe Nacht durchgelesen hatte, nur um am Morgen mit verspanntem Nacken und stechenden Kopfschmerzen aufzuwachen. Die sanfte Massage half auch dieses Mal – langsam ebbte der Schmerz ab, und ebenso langsam strömten erst die Erinnerungen an die letzten Stunden, dann an die letzten Tage zurück in sein Gedächtnis.

Wie er sich geweigert hatte, seine Eltern zum Verwandtenbesuch nach Woodfield zu begleiten. Wie er mit dem Fahrrad unterwegs gewesen war, um seinen beiden Kollegen bei ihrer Beschattung zur Seite zu stehen. Wie ihn grelles Scheinwerferlicht und ein lauter Knall vom Fahrrad gefegt und sein Gehirn in eine große, ahnungslose Leere gestürzt hatten.

Wie er in einem völlig fremden Wohnwagen wieder aufgewacht war und in ihm völlig unbekannte Gesichter geblickt hatte. Wie der Junge – Skinny – ihm weisgemacht hatte, sie seien seit Jahren die allerbesten Freunde. Wie Bob ihm geglaubt hatte, wie selbstverständlich er mit Skinny rumgehangen hatte, wie wohl er sich bei den Campern auf dem Freemangelände gefühlt hatte. Wie er miterleben musste, wie übel ihnen mitgespielt wurde, wie er die zitternde Mina vom Supermarktparkplatz gezogen hatte, nachdem der Supermarktbesitzer und der Lokalpolizist sie völlig haltlos des Diebstahls beschuldigt hatten. Wie wütend ihn die Ungerechtigkeit der ganzen Situation gemacht hatte.

Nicht nur dieser Situation – das wurde ihm schlagartig klar. Auch seine eigene Hilflosigkeit, die Leere in seinem Kopf, das Gefühl, das alles, was ihm wichtig war und was ihn ausmachte, hinter einem Schleier verborgen war, den er einfach nicht durchdringen konnte. Die Angst, etwas verloren zu haben, von dem er nicht einmal wissen konnte, das es fehlte.

Der Geruch nach kaltem Rauch und ungewaschenen Socken in Skinnys Wohnwagen. Der saure Geschmack von Bier in seinem Mund. Das Brennen von Zigarettenrauch in seiner Luftröhre.

Die Erlösung der kühlen Nachtluft.

Geräusche in der Nacht. Stimmen, irgendwie vertraut und doch bedrohlich.

Die Wut in seinem Bauch, als er mit der Armbrust im Anschlag durchs Unterholz schlich. Den Wunsch, wenigstens den letzten Rückzugsort, der ihm noch geblieben war, zu verteidigen.

Rufe, als er sich auf die erste Gestalt stürzte, die er ausmachen konnte.

Ein kräftiger Arm, der ihn zurückstieß, weniger heftig als erwartet. Der ihn auf Abstand hielt, ohne anzugreifen.

Ein Name, wieder und wieder, eine einzelne Silbe, laut und voller verzweifeltem Unglauben.

Eine zweite Stimme, ein anderer Name, ebenso besorgt.

Das hässliche Klackern der Armbrust, die er plötzlich wieder in seinen Händen hielt. Das Zittern seiner Glieder, als er den Abzug betätigte.

Der laute Aufschrei seines Gegners, der ihm keine Erleichterung bescherte, sondern nur noch mehr Angst bereitete.

Ein plötzlicher Stoß, abermals Schmerz, der durch seinen Hinterkopf zuckte, aber dieses Mal keine wabernde Ungewissheit, sondern ernüchternde Klarheit mit sich brachte.

Die entsetzten Blicke seiner Freunde, als sie ihn anstarrten, und die erschreckende Erkenntnis, was er gerade getan hatte.

Justus schmerzerfüllte Miene.

Peters Blut unter seinen Fingernägeln.

Oh Gott.

Ein mulmiges Gefühl machte sich in Bobs Magen breit, und er schaffte es nicht, ein leises Wimmern zu unterdrücken.

Neben ihm raschelte plötzlich die Bettdecke.

„Bob?“ Peters Stimme war schlaftrunken und klang, als würde er direkt in sein Kissen nuscheln. Ein erneutes Rascheln, dieses Mal lauter. „Ist alles in Ordnung?“

Ein undefinierbares Geräusch war alles, was Bob zwischen fest zusammengepressten Zähnen hervorbrachte. Die eigentliche Bedeutung von Peters Frage sickerte nur mit einer eigenartig zähen Verzögerung zu ihm durch. War alles in Ordnung? Sein Kopf tat höllisch weh, ihm war schlecht von den Schuldgefühlen, die seine Kehle zuschnürten, also nein, eigentlich nicht...

Er musste wohl zu lange gezögert haben, denn er fühlte die Bewegung der Matratze unter sich, als Peter sich neben ihm aufsetzte.

„Hast du Schmerzen?“ flüsterte Peter. Seine Stimme klang mit jedem Wort wacher und nun eindeutig alarmiert. „Mist, die Tabletten, die uns die Ärztin mitgegeben hat, liegen noch unten, ich kann sie holen… Bob? Oh Gott, ist dein Gedächtnis noch da? Weißt du, wer du bist? Weißt du, wer ich bin?“

Bei der letzten Frage kippte Peters Stimme panikerfüllt, und Bob setzte sich instinktiv ebenfalls auf, um nach Peters Arm zu greifen, ihn irgendwie zu beruhigen.

Die abrupte Bewegung war ein schwerer Fehler.

Der Schmerz in seiner Schläfe kreischte auf wie die Säge auf dem Schrottplatz, laut und scharfkantig. Helle Punkte tanzten vor Bobs Augen, und mit einem schmerzerfüllten Stöhnen drückte er die Handflächen gegen seine Stirn, während er sich mit dem Rücken gegen die Wand neben sich sinken ließ.

Eine Hand tastete nach seiner, drückte kurz und fest zu.

„Ich hol schnell die Tabletten.“

Bob unterdrückte den Impuls, zu nicken. Er vernahm das Rascheln der Bettdecke, das beinah geräuschlose Tapsen von Peters nackten Füßen auf dem Boden, das sanfte Quietschen der Türklinke. Danach war es still. Peter hatte schon vor Jahren gemeistert, sich lautlos in der Dunkelheit seines Hauses zu bewegen, jedes einzelne des knarrenden Bodenbretter zu überspringen – eine Fähigkeit, die ihm in regelmäßigen Abständen Bobs und Justus neidvolle Anerkennung einbrachte, wenn Peter es nach einer viel zu spät gewordenen Observation als Einziger der drei schaffte, sich unbemerkt ins eigene Bett zu schleichen.

Bob konzentrierte sich auf den pulsierenden Schmerz in seinem Kopf. Dass Peter zurückgekehrt war, bemerkte er erst, als er abermals das leise Klicken der Türklinke vernahm. Kurz darauf schlossen vorsichtige Finger seine rechte Hand um ein Wasserglas und die linke um zwei Tabletten.

„Hier.“

Bob spülte die Schmerztabletten mit einem großen Schluck hinunter und ließ widerstandslos zu, dass Peter ihm das halbleere Glas wieder aus der Hand nahm. Langsam ließ er seinen Kopf gegen die Wand sinken und wartete. Er hatte kein wirkliches Gefühl dafür, wie viel Zeit verstrich, aber als der Schmerz schließlich auf ein halbwegs erträgliches Maß gesunken war, öffnete Bob langsam die Augen.

Er hatte halb erwartet, dass der zweite Detektiv sich in der Zwischenzeit wieder hingelegt hatte, doch eigentlich hätte er es besser wissen müssen. Peter kniete immer noch vor ihm, den Blick aufmerksam auf Bob gerichtet, die Schultern angespannt, als würde er sich für jeden Ernstfall wappnen.

Anders als Bob, der sein Zimmer nachts kaum gut genug abdunkeln konnte, hingen vor Peters Fenstern nur leichte Vorhänge, die nachlässig zugezogen worden waren und in der sanften Brise des offenen Fensters hin- und hertanzten. Das Mondlicht der sternenklaren Nacht blinzelte durch die Spalten zwischen dem Vorhangstoff und fiel auf Peters Gesicht, sodass Bob die Miene des zweiten Detektivs in der Dunkelheit recht gut erkennen konnte. Seine Miene war besorgt, seine Stirn gerunzelt, sein Blick wich keine Sekunde von Bobs Gesicht.

Was hatte Skinny nochmal über Peter gesagt?

„Vor dem kann ich dich nur warnen, Stan. Der ist unberechenbar und gemeingefährlich. Geh ihm besser aus dem Weg.“

Unberechenbar und gemeingefährlich. Es gab wohl kaum zwei Worte, die weniger auf Peter Shaw zutrafen.

Aber im Mondlicht konnte er auch erkennen, in welchem Zustand sich Peter befand. Seine linke Wange war furchtbar zerkratzt, und über die letzten Stunden trotz des Eisbeutels massiv angeschwollen. Die Beule auf seiner Stirn war selbst unter seinen zerzausten Haaren und im dämmrigen Mondlicht deutlich zu erkennen, und da Bob neben ihm auf dem Krankenhausbett in der Notaufnahme gesessen hatte, als die missmutige Ärztin ihre Wunden versorgte, wusste er, dass sich unter dem ausgeleierten T-Shirt, das Peter zum Schlafen trug, weitere Kratzer, blaue Flecken und ein hässlicher Bluterguss an seiner Schulter versteckten.

Bob spürte abermals diese spezielle Art der Übelkeit in sich aufsteigen, die nichts mit dem langsam abklingenden Kopfschmerz zu tun hatte. Er hatte Peter das angetan. Er hatte ihn und Justus mit einer Armbrust bedroht, hatte Peter geschlagen, wie eine Wildkatze sein Gesicht zerkratzt.

Vorher, in der Dunkelheit des Waldes, da hatte es sich richtig angefühlt.

Jetzt, in diesem Moment, in der Dunkelheit von Peters Zimmer, fühlte es sich nur furchtbar an.

Peters Hand schwebte unentschlossen über Bobs Knie, ganz so, als wüsste er nicht, ob es eine gute Idee war, den dritten Detektiv anzufassen.

„Wird es besser?“, fragte er.

Als Bob langsam nickte, tätschelte er zweimal etwas unbeholfen Bobs Unterschenkel, bevor er sich zurück auf seine Seite der Matratze sinken ließ. „Die Ärztin hat gesagt, wenn dir schlecht wird oder du dich übergeben musst, sollen wir wieder ins Krankenhaus fahren. Dann hast du vielleicht doch eine Gehirnerschütterung.“

„Mir ist nicht schlecht“, entgegnete Bob. Solange er Peter nicht direkt ins Gesicht sah, stimmte das schließlich irgendwo. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass sein Blick nochmal zu Peters geschundener Wange huschte. 

„Tut es noch sehr weh?“ fragte er leise, obwohl er sich die Antwort denken konnte. Es musste weh tun. Wie nicht, wenn sein eigener Körper ihn deutlich spüren ließ, wie dumm diese ganze Aktion gewesen war.

Peter blinzelte überrascht. „Tut was noch weh?“

Bob hob die Hand und tippte gegen seine eigene Wange.

„Ach das.“ Peter rollte nur mit den Augen und grinste, ein bisschen schiefer als sonst. „Das heilt wieder. Mach dir keine Sorgen. Unkraut vergeht nicht und so.“

Bob war klar, dass Peter ihn beruhigen wollte, ihm versicherte, dass er sich keine Sorgen machen musste. Sie hatten schließlich genug Nahtoderfahrungen gemeinsam durchlebt, und die anschließenden Gespräche folgten einer wohl erprobten Choreographie: erst jammerten sie, dann gaben sie einander die Schuld an der Misere, dann stellten sie fest, dass eigentlich alles gar nicht so schlimm war, und dann zogen sie sich gegenseitig damit auf.

Bob öffnete den Mund.

„Du bist aber kein Unkraut.“

Die Bemerkung hatte eigentlich trocken klingen sollen, oder zumindest neutral, als würde er nur einen Fakt benennen. Aber seine Stimme brach mitten im Satz, und Bob räusperte sich schnell, in der Hoffnung, es auf eine trockene Kehle schieben zu können.

Peters Augen verengten sich zu Schlitzen, und Bob wusste, dass sein Bluff ins Leere lief.

Was hatte Skinny noch gesagt?

„Und besonders schlau ist er auch nicht.“

Auch das war falsch. Klar, manchmal hatte der zweiten Detektiv eine lange Leitung. Aber was er war, oft noch mehr als Bob oder sogar Justus, das war aufmerksam. Jetzt zum Beispiel, als er Bob keine Sekunde aus den Augen ließ, und Bob sich fragte, wann er das letzte Mal in den Genuss von Peters ungeteilter Aufmerksamkeit gekommen war.

Zwar war Bob normalerweise gut darin, seine Gefühle hinter einem unbeteiligtem Gesichtsausdruck und einer sarkastischen Bemerkung zu verbergen, aber an dieser Nacht war nun einmal rein gar nichts ‚normal‘. Und so konnte er nichts anderes tun, als Peters Blick zu erwidern wie ein Reh im Scheinwerferlicht, unfähig, sich zu bewegen oder zu verstecken.

„Hey“, sagte Peter schließlich. Er hob wieder seine Hand, um sie auf Bobs Knie zu schieben. Dieses Mal ließ er sie dort liegen. „Bob. Es ist alles gut. Nichts, von dem, was passiert ist, war deine Schuld.“

Bob schluckte. Seine Kehle fühlte sich nun tatsächlich trocken an. „Vielleicht, aber…“

„Nichts davon“, wiederholte Peter nachdrücklich. „Du wolltest helfen. Woher hättest du denn wissen können… ich mein, vorher hättest du denn irgendetwas wissen können?“ Mit der Hand, die nicht auf Bobs Knie lag, fuhr Peter sich beinah unwirsch durch die ohnehin verstrubbelten Haare. „Dieser ganze Fall ist doch von vorne bis hinten vollkommen irre. Erst ersticken wir bei Mrs McGowan beinah an alten Rosinenbrötchen, dann beißt mir dieses rothaarige Biest – wie hieß sie, Roxy? – fast ein Loch in den Arm, dann sollen wir nach einem entführten Bonsaibusch suchen, und dann prügeln wir uns noch im Wald.“ Seine Stimme war bei jedem Wort lauter geworden. „Und das alles wäre überhaupt nicht passiert, wenn Skinny, diese Ratte, dir nicht eingeredet hätte, dass...“

„Leise, Zweiter“, zischte Bob. „Du weckst unseren Ersten noch auf!“

Für einen kurzen Moment hielten beide die Luft an und lauschten. Aber außer den leisen, regelmäßigen Atemzügen von Justus war nichts zu hören, und sie wussten beide, dass ihr Erster sich spätestens in diesem Moment mit lautstarkem Protest gemeldet hätte, wenn sie seinen Schönheitsschlaf tatsächlich unterbrochen hätten.

Peter grinste triumphierend, Bob verdrehte die Augen und irgendwie reichte das, um die komische Stimmung zwischen ihnen wieder in ein vertrautes Gleichgewicht zu kippen.

„Der Punkt ist“, flüsterte Peter. „Es bringt nichts, sich Vorwürfe zu machen. Wir können jetzt eh nichts mehr ändern, und ich wette, das Superhirn von Justus nutzt in genau diesem Moment die Ruhepause, um sich einen perfekten Plan für die Lösung dieses Falls zurechtzulegen, die er uns dann morgen beim Frühstück präsentiert. Wahrscheinlich zusammen mit einem Notfallplan, wie wir verhindern können, dass du orientierungslos in der Gegend rumirrst, wenn du mal wieder dein Gedächtnis verlierst.“

„‘Mal wieder’?“ wiederholte Bob mit einem leisen Schnauben. „Entschuldige, es kommt jetzt auch nicht gerade täglich vor.“

„Aber oft genug“, erwiderte Peter. „Hast du doch vor dem Einschlafen selbst gesagt. Es trifft immer dich. Bei dem Fall mit der silbernen Spinne, und bei der Toteninsel ist dein Gehirn ehrlich gesagt auch schon ganz schön auf links gedreht worden.“ Er grinste und tätschelte noch einmal gleichsam mitfühlend und gönnerhaft Bobs Knie, bevor er seine Hand zurückzog. Bob registrierte mit leise überraschtem Bedauern, dass er die Wärme von Peters Fingern vermisste. „Vielleicht müssen wir dir so ein Armband besorgen, wie alte Leute es haben. ‚Falls orientierungslos, rufen sie bitte Peter Shaw oder Justus Jonas an‘.“

Bobs Arm tat zwar weh, aber nicht weh genug, um den Impuls zu unterdrücken, seinen Freund ordentlich zu schubsen, und Peter kippte mit kaum unterdrücktem Lachen auf sein Kissen.

Sekunde.

Wie war er eigentlich in Peters Bett gekommen?

Bob erinnerte sich noch daran, wie sie nach ihrem Besuch im Krankenhaus in Peters Zimmer gesessen und über die Ereignisse diskutiert hatten, Justus auf einer der Matratzen am Boden, Peter und Bob nebeneinander auf Peters Bett. Wie Peter ihn über den Eisbeutel, den er sich an seine zerkratzte Wange gehalten hatte, angelächelt hatte. Wie sie Witze darüber gerissen hatten, echte Kerle zu sein, bis Bob die Arme ausgebreitet und Peter sich bereitwillig hineingeschoben hatte. Er erinnerte sich noch daran, wie er seine Nase in Peters Shirt vergraben hatte, das nach dem Waschmittel der Familie Shaw roch. Wie Peter umsichtig, um ja keine von Bobs Blessuren zu erwischen, über seinen Rücken gestrichen hatte. Wie Bobs Augenlider auf einmal furchtbar schwer geworden waren, als die ganze Anspannung der letzten Tage ihn übermannt hatte. An die letzten Gesprächsfetzen, die noch an seine Ohren gedrungen waren.

„… ich versteh aber immer noch nicht ganz, wieso nicht nur der Baum, sondern auch der Leguan verschwunden ist. Das ergibt doch keinen Sinn, wenn diese Beatrix eine von den Campern ist.“

Ein lautes Gähnen von Peter. „Keine Ahnung.“

„Unklar ist auch noch, welche Rolle Skinny spielt. Was meinst du, Bob?“

Ein liebevolles Lachen von Peter. „Der schläft schon. Können wir nicht morgen weitermachen, Just? Ich kann auch noch kaum die Augen offen halten.“

Super. Anscheinend war er direkt und ohne Umschweife in Peters Armen eingeschlafen.

Verlegen rieb Bob sich über den Nasenrücken und war dankbar, dass Peters Aufmerksamkeit mittlerweile darauf gerichtet war, sein Kissen wieder in Form zu boxen. Andererseits wäre ihm Bobs verlegener Gesichtsausdruck wahrscheinlich nicht entgangen.

„Oh Mann“, seufzte der zweite Detektiv. Er ließ sich mit zufriedener Miene wieder auf sein Kissen sinken und streckte seinen linken Arm aus, um seinen Hinterkopf darauf zu betten. „Ich glaube, ich werd den Ratschlag meiner Mutter beherzigen und ab jetzt wirklich immer meinen Fahrradhelm tragen. Nicht, dass mir das Gleiche passiert wie dir, wenn ich mir mal die Birne anstoße. Am Ende sammelt mich auch noch Skinny auf und redet mir ein, wir wären verlobt oder so.“

„Keine Sorge“, entgegnete Bob, bevor er darüber nachdenken konnte. „Skinny hat gesagt, er steht nicht auf Rothaarige.“

Der Blick, den Peter ihm zuwarf, war eine Mischung aus Unglauben, widerwilliger Belustigung und komischer Abscheu, und Bob wünschte sich sofort, er könne den Satz wieder zurücknehmen.

Einerseits, weil es sich seltsamerweise wie Verrat an ihrem Erzfeind anfühlte. Obwohl Bobs Gefühle Skinny gegenüber gerade definitiv nicht freundschaftlich waren, war es trotzdem komisch, etwas mit Peter zu teilen, was Skinny ihm anvertraut hatte. Nicht Bob, strenggenommen, sondern Stan – aber es bewegte sich nah an die leise Ahnung heran, die Bob bereits seit längerem hegte – nämlich, dass Skinny Frauen zwar gern für seine Zwecke einspannte, aber sie aber weder sonderlich respektierte, noch echten Gefallen an ihnen fand – nicht freundschaftlich, nicht romantisch, nicht einmal sexuell.

Und außerdem lenkte es das Gespräch auf Umwegen zu einem Thema, von dem Bob sich noch nicht getraut hatte, es seinen Kollegen gegenüber anzusprechen. Ein Thema, das ihn erst neulich wieder eingeholt hatte, als er mit Leslie Eisessen gewesen war, und der Kellner im Strandcafé nicht ihr, sondern Bob zugezwinkert und ihm eine Rechnung zugeschoben hatte, auf der in der Ecke eine Mobilfunknummer notiert worden war.

Ein Was-Wäre-Wenn, bei dem Bob sich noch nicht getraut hatte, es zu Ende zu denken.

„Ich weiß nicht, wie ich es finde, dass du solche Sachen jetzt weißt“, sagte Peter schließlich. Bob konnte seinen Tonfall nicht genau deuten, aber außer einer leichten Missbilligung in seiner Stimme und den hochgezogenen Augenbrauen war da nichts in seiner Miene, das Bob alarmierte.

„Ich ehrlich gesagt auch nicht“, seufzte er. Darüber, wie er zu Skinny stand, würde er in den nächsten Tagen nachdenken müssen, wenn der noch zu präsente Frust verraucht war und er sich damit auseinandersetzen konnte, was es bedeutete, eine so vollkommen andere Seite ihres Erzfeindes kennengelernt zu haben.

„Ist nicht zu ändern“, sagte Peter mit einem Schulterzucken. „Aber keine Sorge. Ich kann dir versprechen, dass Skinny so ziemlich der letzte Mensch ist, mit dem ich ausgehen würde.“

„Weil Skinny ein Junge ist?“ Es mussten die Schmerztabletten sein. Oder er hatte doch eine Gehirnerschütterung. Beides würde erklären, warum Bobs Kopf anscheinend jeden Filter ausgeschaltet hatte und nun einfach jeden Gedanken aussprach, der ihm durch den Kopf schoss. Oder zuvor bereits mal durch den Kopf geschossen war. Wie der, ob Peter eigentlich ausschließlich auf Mädchen stand, oder…

„Was? Nein! Weil er Skinny ist“, antwortete Peter, und betonte Skinnys Namen dabei exakt so, wie er es auch bei den Worten „Matheunterricht“ und „Geisterschloss“ tat – mit einem Maximum an Abscheu und Widerwillen. „Den würde ich nicht mit der Kneifzange anfassen, nicht mal mit dem schlimmsten Gedächtnisverlust. Und eins sag ich dir, wenn er es wagt, uns nach dieser Aktion in absehbarer Zeit unter die Augen zu treten, dann gibt es eh ganz andere Themen, die ich gern mal mit ihm besprechen würde.“

„Kann ich mir vorstellen“, sagte Bob. Bei der letzten Silbe wurde er von einem herzhaften Gähnen übermannt. Plötzlich spürte er, wie bleiern die Müdigkeit in seinen Gliedern saß. Ein Blick auf die Leuchtanzeige von Peters Wecker verriet ihm, dass drei Uhr früh gerade verstrichen war. Blieb nur zu hoffen, dass Mrs Shaw sie morgen ausschlafen ließ.

Eigentlich hätte er jetzt zu Justus auf eine der Matratzen krabbeln können, aber der Boden erschien ihm weit weg. Außerdem hatte Peter Platz auf dem Kissen neben sich gelassen, also griff Bob nach der Decke, zog sie über sich und ließ sich neben Peter ins Bett sinken.

Peters Gesicht war seinem ziemlich nah, und sein Lächeln war irgendwie anders als sonst, aber Bob war müde und es war leichter, die Augen zu schließen und sein Gesicht im Kissen zu vergraben, als Peters Blick zu erwidern, weshalb er genau das tat.

„Gute Nacht, Peter“, murmelte er.

„Gute Nacht, Bob.“

Bob glitt so schnell wieder in den Schlaf, dass er sich am nächsten Morgen nicht mehr sicher war, ob die vorsichtige Berührung, mit der Peter ihm eine Haarsträhne aus der Stirn strich, nicht bereits Teil seines Traums gewesen war. Genau wie die Worte, die er glaubte, noch leise geflüstert neben sich zu hören: „Ich bin froh, dass du wieder mein bester Freund bist.“